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Kirche in WDR 2 | 29.09.2026 | 05:55 Uhr
Die Tauben - alte Freunde
Stell dir vor, du bist Jahrtausende lang der Liebling der Menschheit. Ein Symbol für Frieden, für Liebe, für den Himmel selbst. Und dann, von heute auf morgen, bist du plötzlich nur noch Dreck auf dem Platz, ein Störfaktor, eine Plage. Genau das ist den Stadttauben passiert. Und wir haben es zu verantworten. Die Taube – einst heilig, heute als „Flugratte“ verachtet.
Vor über 5.000 Jahren domestiziert, als Fleischlieferant, als Bote, als lebendiges Opfer für die Götter. Die Griechen sahen in ihr die Begleiterin der Göttin der Liebe – Aphrodite. Weil Tauben lebenslange monogame Partnerschaften eingehen. Daher kommt der Begriff der „Turteltaube“.
In unseren Kriegen haben Brieftauben tausende Leben gerettet. Und ihr Kot, als Dünger genutzt, hat unsere Ernteerträge gesichert.
Tauben sind unsere Partner gewesen. Bis wir sie nicht mehr gebraucht haben. Weil Telefon, Eisenbahn, Kunstdünger und Massentierhaltung ihren Platz eingenommen haben.
Da haben wir sie fallen lassen. Wie ein altes Spielzeug, das man in die Ecke wirft.
Millionen von Tauben sind freigelassen worden – oder haben einfach die Orientierung verloren, weil wir ihre Welt verändert haben. Sie haben nur uns gekannt, unsere Häuser, unsere Plätze. Also sind sie geblieben.
Wir haben ihnen den Bruttrieb angezüchtet, bis sie
das ganze Jahr über Eier legen, auch wenn es sie krank macht. Wir haben sie an
unseren Abfall gewöhnt, bis ihr Magen nur noch Rebellion schreit. Und dann?
Dann schimpfen wir über sie. Die Tauben von heute sind keine Wildvögel. Sie
sind verwilderte Haustiere – wie Straßenhunde oder
-katzen, nur mit Flügeln.
„Wer von euch, der ein Schaf hat und es fällt am Sabbat in eine Grube, wer greift nicht ein und zieht es heraus?“ Das fragt Jesus im Matthäus-Evangelium. Eine scheinbar einfache Frage – mit einer klaren Botschaft: Verantwortung endet nicht, nur weil es unbequem wird.
Die gute Nachricht? Es gibt Lösungen. In Augsburg zum Beispiel.
Dort gibt es Taubenhäuser, in denen die Tiere artgerecht leben können. Wo ihre Eier durch Attrappen ersetzt werden, um die Population human zu regulieren. Wo sie nicht mehr hungern müssen – und die Stadt sauberer wird. Keine Vergrämung, keine Tötung. Sondern ein Zeichen von Einsicht: Wir haben sie in diese Misere gebracht. Also holen wir sie auch wieder raus.
Vielleicht ist das die eigentliche Lektion der Tauben: Dass wir lernen, Verantwortung zu übernehmen – für das, was wir angerichtet haben.
„Und die Taube kam zu ihm gegen Abend – und siehe, ein Ölblatt war in ihrem Schnabel.“
Die Noahgeschichte.
Ein Zeichen der Hoffnung. Ein Versprechen.
Dass nach der Sintflut – auch nach unserer Gleichgültigkeit – ein Neuanfang möglich ist.
Quelle: Terra X History (@terraxhistory): „Von uns im Stich gelassen? Die tragische Geschichte der Tauben“, Instagram-Post, 03.09.2026, https://www.instagram.com/p/DcvE1SmjJbg/ zuletzt abgerufen am 21.09.2026
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
