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Kirche in WDR 3 | 24.01.2026 | 07:50 Uhr
Brot und Butter
Guten Morgen!
Ein Bäcker kauft vom Bauern Butter – und der Bauer kauft vom Bäcker Brot. Nach ein paar Wochen kommt es dem Bäcker so vor, als ob die Butterstücke, die der Bauern liefert, immer leichter würden. Die Waage gibt ihm recht: Jede Woche fehlen ein paar Gramm mehr. Also zieht der Bäcker vor Gericht und verklagt den Bauern. „Ihre Butterstücke sollen nicht das erforderliche Gewicht haben“, sagt der Richter zum Bauern, „sie sollten je drei Pfund wiegen, aber sie wiegen weniger.“
Antwortet der Bauer: „Ausgeschlossen. Ich wiege sie doch jedes Mal nach.“ Der Richter fragt nach: „Vielleicht stimmen die Gewichte Ihrer Waage nicht?“ Der Bauer sagt erstaunt: „Gewichte? Habe ich nicht.“
Wieder der Richter: „Aber wie wiegen Sie denn dann die Butter?“ Da erklärt der Bauer: „Sehen Sie, Herr Richter, ich krieg mein Brot vom Bäcker, und so ein Laib wiegt drei Pfund. Also lege ich auf die eine Seite der Waage einen Laib Brot und auf die andere Seite meine Butter und balanciere die Waage aus.“ Und dann zieht er einen Laib Brot vom Bäcker aus der Tasche. Der Richter wiegt nach – die Butter ist aufs Haar genauso schwer wie das Brot.
Der Richter lacht, der Bauer lächelt, der Bäcker tobt.
Die kleine Geschichte erinnert mich daran, wie leicht wir Menschen mit zweierlei Maß messen. Wie schnell wir die Fehler der anderen in den Blick nehmen und vergessen, wo wir selbst es auch nicht so genau nehmen. Manchmal merke ich: Ich bin selbst so ein Bäcker, der viel verlangt und genau nachwiegen will und dabei übersieht, wie wenig ich selbst gegeben habe.
Eines von den zehn Geboten der Bibel heißt: „Du sollst kein falsches Zeugnis gegen deinen Nächsten ablegen.“ Ursprünglich ging es darum, vor Gericht die Wahrheit zu sagen. Heute fassen wir das Gebot etwas weiter: Du sollst nicht falsch über andere reden.
Martin Luther, der Reformator, legt noch einen drauf. Er sagt: Wir sollen nicht nur nicht falsch über andere reden, sondern wir sollen gut über sie reden: Wir sollen andere entschuldigen, gut von ihnen sprechen und alles zum Besten deuten.
Das ist das Gegenteil von dem, was oft im Internet und in den sozialen Medien passiert. Wie einfach ist es, gemeine und fiese Kommentare zu schreiben und Menschen lächerlich zu machen. Wie leicht ist es, sich über andere zu erheben. Und wie schön wäre das: Wenn wir gut voneinander sprechen. Wenn wir uns gegenseitig gute Absichten unterstellen. Wenn wir einander in Schutz nehmen.
Mein Vorbild ist ein 94 Jahre alter Kirchenmusiker in meiner Gemeinde. Er hat manche Enttäuschung erlebt und sagt dennoch: Die allermeisten Menschen meinen es gut. Es wird nicht immer gut, so ist das halt. Aber sie meinen es gut. Und dafür bin ich dankbar.
Diese Haltung will ich auch einüben. Deshalb versuche ich heute, bei der Wahrheit zu bleiben. Ich nehme mir vor, heute gut über andere sprechen. Und ich will Gleiches nicht mit Gleichem aufwiegen und großzügig sein. Machen Sie mit?
(Ende
WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5:)
Einen guten Samstag wünscht Ihnen Ihr Pfarrer
Steffen Riesenberg aus Bottrop.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
