Beiträge auf: wdr3
Kirche in WDR 3 | 23.05.2026 | 07:50 Uhr
LUV
Am Morgen, wenn der Tag noch nicht entschieden ist, da gehen einem ja manchmal merkwürdige Dinge durch den Kopf. Erinnerungen, Bilder — oder wie jetzt, kurz vor Pfingsten, ein Gedanke, den ich unbedingt loswerden muss. Ich war gerade mit meiner Familie an der Ostsee. Und wir waren in einem Hotel untergebracht, das hieß »LUV« — L - U - V. Es könnten die Initialen meines Namens sein. Aber noch mehr: Luv und Lee sind ja Begriffe ursprünglich aus der Seemannssprache. Und was Luv bedeutet, das ist mir an der Ostsee nochmal so richtig klar geworden: Wer auf der Luv-Seite steht, bekommt den Wind von vorn; man muss dagegenhalten. Wer in Luv steht, spürt die Kräfte, denen er ausgesetzt ist — die Kühle und Frische. Also: Wir haben uns warm angezogen.
Auf der Lee-Seite ist es geschützter, oft ruhiger, manchmal sogar windstill. Dort lässt sich verschnaufen, schauen und abwarten. Aber Lee hat auch eine Schattenseite: Wer zu lange im Windschatten bleibt, verliert leicht das Gespür für die Richtung, aus der die Bewegung kommt. Ein Segelboot kommt nicht voran, weil es den Wind meidet, sondern weil es ihn aufnimmt, übersetzt — in Fahrt verwandelt.
Genau das halte ich für ein starkes Bild für Pfingsten: Menschen geraten auf die Luv-Seite Gottes. Sie werden nicht einfach beruhigt; sie werden angerührt, getroffen, bewegt. Pfingsten erzählt von Menschen, die aus dem Lee ihrer Angst heraustreten und auf einmal merken: Der Wind, vor dem sie sich geschützt hatten, ist genau die Kraft, die sie hinausträgt und lebendig macht. »Windhauch« – so wird der Heilige Geist in der Bibel genannt.
In der Apostelgeschichte klingt er, „wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt“. Dieser Sturm fährt durch den Raum, in dem die Jünger Jesu es sich eingerichtet haben — hinter verschlossenen Türen und Fenstern. Ja, er fährt förmlich durch sie hindurch und löst die Angst, in der sie sich verschanzt haben. Das Verschlossene gerät in Bewegung. Sie reißen Fenster und Türen auf und finden wieder heraus. Sie finden eine Sprache für das, was sie bis dahin nicht kapieren konnten: Der Geist Gottes führt sie hinaus ins Weite.
Genau dafür steht Pfingsten. Dieser Geist macht uns hörbar für das, was in uns laut werden will und empfänglich auch für das, was andere uns sagen wollen — über die engen Räume hinaus, in denen wir uns gern gegenseitig bestätigen, uns gegen andere abschotten und das eigene Echo irgendwann für Wahrheit halten. Pfingsten ist der Name für das, was wir dringend brauchen: Geist. Einen Atem, der uns aus dem Lee, aus unserer Selbstbezogenheit herausholt und auf die Luv-Seite Gottes stellt. Ja —, von dort kommt Gegenwind, da ist es unruhiger. Aber hier beginnt auch die Fahrt.
Diese Geistesgegenwart wünsche ich uns: aus dem Wind, der uns entgegenkommt, neu Fahrt aufzunehmen. Ich wünsche Ihnen »Frohe Pfingsten!«
Ludger Verst aus Köln
