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Hörmal | 12.04.2026 | 07:45 Uhr
Freu dich nicht zu spät
An einem Postkartenständer vor einer Buchhandlung fällt mir eine Karte mit einem Spruch auf, der mich stutzen lässt: „Freu dich nicht zu spät.“, den Satz kenne ich anders. „Freu dich nicht zu früh.“, das ist mir vertraut. Zum Beispiel als gut gemeinter Ratschlag unter Freunden, um Enttäuschungen vorzubeugen, nur für den Fall, das etwas doch nicht so gut wird, wie erwartet. „Freu dich nicht zu früh.“ Aber: „Freu dich nicht zu spät?“, was soll das denn heißen?
Der
Satz klingt erstmal harmlos, aber eigentlich steckt da eine ziemlich klare
Ansage hinter. So ein bisschen wie: „Hey, warte nicht erst, bis dein Leben
perfekt ist, bevor du lächelst, irgendwann endet das Leben.“ „Freu dich
nicht zu spät“
erinnert
daran: Freude
gehört nicht ans Ende, sondern mitten hinein in unser Leben. Freude ist nicht
nur erlaubt, wenn man stolz auf etwas Gelungenes zurückblicken kann. Freude ist
nicht nur etwas für besonders herausragende Momente im Leben. Freude
gehört auch in unsere halbfertigen Tage. In Momente, die gar nicht so
spektakulär sind. Vielleicht sogar gerade dort, wo nicht alles glatt läuft.
In der Bibel sagt Jesus: „Niemand soll euch eure Freude nehmen.“(1) Was für eine Zusage! Es gibt eine Freude, die tiefer liegt als unsere To-do-Listen und Sorgen. Eine Freude, die auftaucht, wenn wir merken: Ich bin gehalten. Ich bin nicht allein. Gott geht mit mir – jetzt, nicht erst am Ende.
Freude ist sicher nicht auf Kommando abrufbar und natürlich gibt es Situation, in denen wir uns einfach nicht freuen können. Aber vielleicht lässt sich eine Haltung einüben, auch kleine „Freu-Momente“ zuzulassen. Eine Art, genauer hinzuschauen. Wenn man aufmerksam ist, entdeckt man in vielen Lebenssituation, an anderen Menschen und an sich selbst etwas Gutes, etwas Überraschendes, etwas Schönes. Freude beginnt, wenn ich mich traue, das Licht im Alltag wahrzunehmen, selbst wenn der Tag eigentlich nur grau daherkommt.
Manchmal stelle ich mir vor, wie Gott mir zulächelt und sagt: „Freude ist nicht das Dessert. Freude ist der kleine Snack zwischendurch.“
„Freu dich nicht zu spät.“ Das ist ein Satz, der mich begleitet. Als Erinnerung, das kleine Glück nicht zu übersehen. Und als Einladung, Gottes Freude mitten im Alltag zu finden.
Quellen:
(1) Die Bibel, Johannesevangelium 16,22
Redaktion: Landespfarrerin Julia-Rebecca Riedel
