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In meinem Zollbüdchen
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Kirche in WDR 4 | 13.07.2026 | 08:55 Uhr

In meinem Zollbüdchen

Heute ist wieder Montag, und weil heute Montag ist, ist das Wochenende auch schon wieder vorbei. Tja. Und ich will ehrlich sein: Auch ich denke manchmal: „Lieber Gott! Ich danke dir, dass ich anders bin als die da.“ Und "die da", das sind dann näher besehen erstaunlich viele: Die Nachbarn mit den Weber-Grill-Gelagen. Die, die im Internet Unsinn schreiben. SUV-Fahrer. Oder auch Lastenrad-Fahrer. Leute, die Helene Fischer hören. Oder eben die anderen mit ihren Vinyl-Jazz-Platten.

Das Bemerkenswerte an Jesus ist: Der hat damit nichts am Hut. Der mag Weber-Griller und Veganer. Wie in der Geschichte von dem Zöllner. Die Zöllner waren zu seiner Zeit mit die Schlimmsten. Sie haben gemeinsame Sache mit den Besatzern gemacht und die Menschen wo es ging übers Ohr gehauen. Aber jetzt will einer von ihnen Jesus kennen lernen. Und was macht der? Er geht mit dem essen. Stundenlang. Verrückt eigentlich.

Aber so ist er halt: Jesus geht nie zu den Vorzeigemenschen. Nicht zu denen, deren Biografie aussieht wie ein mit ChatGPT geglätteter Lebenslauf. Er geht zu Bjarne und Helga, Dustin, Ibrahim, Lothar und Matthäus. Und sitzt mit allen an einem Tisch. Mit all den Zöllnerinnen und Zöllnern unserer Zeit. Das ist ein Frontalangriff auf eine uralte menschliche Überzeugung: Reinheit entsteht durch Abstand. Je weiter weg die anderen sind, desto besser fühle ich mich selbst. Das gilt in sozialen Netzwerken, wo Menschen einander blockieren, entfolgen und moralisch entsorgen. Und erst recht gilt das mit dem Abstand im echten Leben. Wie gemütlich ist es, mit Menschen zusammenzuhängen, die dieselben Ansichten haben, dieselbe Hecke schneiden, denselben Fußballverein mögen, dieselben Zeitungen lesen und eben an denselben Stellen empört sind.

Wie die Pharisäer in dieser Zöllnergeschichte. Sie wohnen noch heute mitten unter uns. Und noch unangenehmer: Sie schauen einem gelegentlich dummerweise sogar morgens beim Zähneputzen aus dem Spiegel entgegen: „Wie kann Jesus das nur tun?" fragen sie empört. Das ist die ewige Frage aller Anständigen. Wie kann man mit denen reden? Mit den Unordentlichen? Mit den Falschen? Mit Leuten, die politisch falsch abstimmen, seltsame Musik hören oder ihren Einkaufswagen nach dem Ausladen einfach auf dem Parkplatz stehen lassen? Die Zöllner von heute, die kennen wir doch genau, oder? Sie wohnen in unserer Straße. Sie drücken sich vor der Arbeit im Elternrat. Sie parken im Halteverbot. Sie kennen Steuertricks. Die legalen und auch die anderen.

Jesus interessiert sich erstaunlich wenig für faltenfreie Äußerlichkeiten. Dafür umso mehr für Wunden. Für alles, was gebrochen ist. Selbst das, was zum Himmel zu stinken beginnt und wo wir „Unmöglich!“ rufen. Aber, ganz ehrlich: Jeder von uns sitzt doch in Wirklichkeit oft genug selbst in einem Zollbüdchen. Auch ich. Zwischen dem Wunsch, ein guter Mensch zu sein, und der Erfahrung, dass das leichter gesagt ist als getan. Das Schöne ist: Genau dort kommt Jesus vorbei. Er sagt nicht: „Werde erst besser.“ Er sagt: „Komm mit.“ Das klingt verrückt. Und wunderbar. Nicht nur an diesem Montagmorgen.


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