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Kirche in WDR 5 | 14.02.2026 | 07:55 Uhr
Wenn Liebe in der Luft liegt
Am Morgen, wenn der Tag noch nicht entschieden ist, da schießen einem ja manchmal merkwürdige Gedanken durch den Kopf … — oder sind es heute eher Gefühle, die mich ergreifen? Am Valentinstag setzt man doch auf Gefühle: Liebende schenken sich Rosen, Schokolade, Kuschelkissen und gönnen sich eine Zeit in Zweisamkeit. Ein Tag, an dem Liebe plötzlich überall auftaucht. In Schaufenstern, in Werbespots, auf Grußkarten. Man kann das belächeln. Man kann sagen: alles Marketing. Und doch ist da bei vielen mehr dahinter. Vielleicht deshalb, weil Liebe sich eben nicht machen lässt. Was mir durch den Kopf geht, heute am Valentinstag, ist ein altes Lied von John Paul Young. Es ist fast fünfzig Jahre alt und immer noch ein Ohrwurm: »Love Is in the Air«. Schon der Titel sagt eigentlich alles: „Liebe liegt in der Luft.“ Nicht greifbar. Nicht festzuhalten. Aber spürbar. Das Lied erzählt davon, dass Liebe überall auftauchen kann. In dem, was ich sehe. In dem, was ich höre. Im Flüstern der Bäume. Im Donner des Meeres. Im Blick eines Menschen. Im Klang meines Namens, wenn jemand ihn ruft. Liebe wirkt nicht wie ein Gedanke. Sie wirkt wie eine Atmosphäre, als wenn man einen Raum betritt – und merkt: Hier ist was anders. Ich spür es genau.
Wer kennt das nicht: Dass man sich auf einmal leicht fühlt und unbeschwert. Wacher und offener als sonst. Dass man sich nicht erklären kann, warum. Und zugleich auch unsicher ist: Ist das alles nur Einbildung? Träume ich das nur?
Man könnte meinen, die Liebe sei eine Luftnummer, wenn Verliebte »auf Wolke sieben« schweben; wenn sie »Schmetterlinge im Bauch« haben. Eine eigenartige Raumbefindlichkeit, wie sie auch im Englischen zum Ausdruck kommt: »to fall in love«: in Liebe fallen, in sie hineinfallen. Das Gegenteil aber scheint der Fall: Statt zu fallen, schwebt man in Seligkeit, das Leben wird leicht, der Gang beschwingt, man möchte hüpfen vor Freude.
Liebe bringt oft gerade Gegensätzliches zusammen: Leichtigkeit und Schwere, Verzauberung und Zweifel,
Nähe und Risiko. Gerade deshalb passt dieses Bild so gut:
»Love Is in the Air«.Liebe ist nicht nur in mir. Sie ist auch zwischen uns. Und um uns
herum. Wie ein Feld, in das man eintritt — oder eben nicht. Liebe lässt sich eben nicht festlegen. Nicht planen. Nicht absichern. Man kann
sich ihr nur aussetzen.
Und vielleicht lädt genau dazu der Valentinstag ein: Nicht Liebe zu besitzen — meinen Partner, meine Partnerin —, sondern der Liebe Raum zu geben. Genau zu spüren, genau hinzuhören und hinzusehen. Sich wirklich berühren zu lassen. Ich bin mir sicher: Solcherlei Berührtsein lässt uns den Himmel erfahren. Wie alles, was uns neu und lebendig macht.
Ich wünsche Ihnen und auch mir, dass nicht nur heute Liebe in der Luft liegt. In unverhofften Momenten wartet das Leben darauf, dass wir diese Liebesluft tief einatmen.
Ludger Verst aus Köln
