Beiträge auf: wdr2
Kirche in WDR 2 | 16.09.2026 | 05:55 Uhr
Herr, bleibe bei uns
Als der Mann am Fuß der Treppe steht, ist er erleichtert. Endlich hat er es geschafft. Alles, was er braucht, ist organisiert. Aber bevor es losgeht, muss er noch ein paar Stufen hochsteigen. Auf der Mitte der Treppe ist ein Absatz und dort befindet sich eine kleine Nische, die ist genau richtig für ihn. Er kennt den Platz gut, hat ihn schon mehrmals benutzt. Heute fällt es ihm allerdings schwer, den Absatz überhaupt zu erreichen. Seine Knie sind wackelig, er spürt den Schweiß an seinem Rücken und ihm ist schwindelig. Aber jetzt nur noch ein paar Schritte, dann ist er da. Erleichtert lässt er sich in die Ecke der Nische sinken. Zum Glück ist niemand auf der Treppe zu sehen. Um diese Uhrzeit auch nicht ungewöhnlich. Aber ohnehin ist inzwischen seine Aufmerksamkeit nur noch auf das gerichtet, was er jetzt braucht.
Also holt er seine Utensilien hervor und legt sich sein schmutziges, grünes Handtuch über Kopf und Oberkörper. Anschließend findet die Nadel die richtige Stelle wie so viele Male vorher. Danach dauert es noch ein bisschen, doch dann kann er endlich tief durchatmen.
Dass die Treppe, auf der er sitzt, zu einer Kirche führt, hat ihn nie interessiert. Er hat auch nie die Worte beachtet, die über dem Eingangsportal stehen: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden.“ Ein Bibelzitat. Eine Bitte der Jünger an Jesus, sie nicht allein zu lassen. Doch davon hat der Mann schon nichts wissen wollen, als er noch voll bei Bewusstsein gewesen ist. Nun jedoch gleitet er sanft vor sich hin und merkt dabei gar nicht, wie es tatsächlich Abend wird. Nicht für die Menschen unten auf der Straße, aber für ihn hier oben.
Angst hat er keine. Ihm ist einfach nur wohl zumute.
Ganz im Gegensatz zu den Jüngern, als die ihre Bitte äußern: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden.“ Zu diesem Zeitpunkt sind die Jünger völlig fertig. Voller Angst und ohne eine Ahnung, wie es weitergehen soll. Sie brauchen Hilfe und zwar dringend. Mehr, als sie sich selbst geben können.
Deshalb ist Jesus damals bei den Jüngern geblieben. Solange, bis sie keine Angst mehr hatten. Stattdessen neue Hoffnung schöpfen konnten und eine neue Perspektive gesehen haben. Und so wie Jesus bei den Jüngern geblieben ist, so wird Gott jetzt bei dem Mann auf der Treppe bleiben. Obwohl der gar nicht darum gebeten hat. Gott ist bei ihm, während langsam der Abend kommt. Und Gott wird dafür sorgen, dass es einen neuen Morgen gibt. Auch für ihn.
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
