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Kirche in WDR 4 | 12.08.2026 | 08:55 Uhr
Gottesbeweis auf 2 Beinen
Vielleicht erinnern Sie sich: Vor 2 Wochen hab ich von Freyas Fragen erzählt, von meiner Großnichte. Und von meinem Ringen damit, ihr plausibel zu machen, warum ich an Gott glaube. Und ich hab weiter noch mal darüber nachgedacht. Und ich bleibe dabei: Ich tue mich schwer mit Gottesbeweisen. Aber wenn es für mich persönlich einen gibt, dann hat der 2 Beine. Weil: Dieser Mensch steht für mich dafür, was ich an meinem Christinnen-Sein so grandios finde: Dass sich so unterschiedliche Menschen aufs Tiefste berührt fühlen von der Jesus-Erzählung; in allen Jahrhunderten.
Gerade die Unterschiedlichkeit der Christinnen und Christen ist mir Rätsel und Beweis zugleich. Und da denke ich an diesen einen Theologen, mit dem ich vor Jahren zu tun hatte. Das war bei einer Fortbildung. Fast nie waren wir auf einen Nenner gekommen. Ich liebe es Fragen zu stellen. Er liebt Antworten. Ein Beispiel: In einer Diskussion zum Thema Frauenpriesterrum sagte ich, dass die alten kirchlichen Positionen doch nicht haltbar seien. Ich forderte eine Auseinandersetzung auf allen kirchlichen Ebenen. Er konterte: „Manchmal muss man auch einfach mal einen Punkt setzen. Akzeptieren, dass die Dinge so sind. Punkt.“ Hat der Mann mich aufgeregt! Denn so ging das ständig. Wir waren sowas von unterschiedlich. Wir wären uns am liebsten aus dem Weg gegangen, so anstrengend fanden wir uns gegenseitig. Jeden Morgen gab es in dieser Fortbildung Gottesdienste. Und ich weiß noch, wie ich in einem dieser Gottesdienste saß und mir plötzlich der Gedanke kam: Das wäre ohne Gott nicht möglich. Dass er und ich uns in ein und derselben Kirche zuhause fühlen, dass dieselben Worte uns heilig sind…Das kann nur daran liegen, dass da etwas anderes, ein anderer ist, der sowohl ihn als auch mich anspricht, jeden auf die eigene Weise. Und dieser Zusammenbringer ist für mich Gott. Er lässt uns eben doch gemeinsame Nenner entdecken.
Seitdem ist dieser Mensch für mich sowas wie ein Gottesbeweis auf zwei Füßen. Weil er mir zeigt, dass für Gott vieles möglich ist. Ich hätte mich von diesem Menschen am liebsten direkt abgegrenzt. Gott hatte irgendwie andere Pläne.
Und die Geschichte geht weiter. Meine und seine. Dieser Theologe hat Karriere in der Kirche gemacht. Und vor ein paar Jahren las ich ein Interview mit ihm. Ich wäre fast vom Stuhl gefallen, als ich diesen Satz von ihm entdeckte: „Die Frauenfrage in der Kirche ist noch nicht zu Ende besprochen.“ Da dachte ich: Gott wirkt. Bei ihm durch mehr Fragen. Bei mir durch mehr Punkte. Denn diesen Satz kann ich inzwischen aus festem Glauben heraus sagen: Gott lässt sich in jedem Lebewesen suchen und finden. Und auch in Fragen. Punkt.
