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Kirche in WDR 2 | 01.09.2015 | 05:55 Uhr

Schaul und Iwan

Mit sieben Jahren ist Schaul entdeckt worden. Seine Stimme hat einen hellen, angenehmen Klang. Offen und fest. Wenn er spricht, hört man ihm gerne zu. Sein Vater ist ein Rabbiner in einem osteuropäischen Dorf. Als Schaul sieben Jahre alt ist, besucht der Vater einen berühmten Kollegen. Der Junge darf mitfahren.

Bei der Ankunft wünscht Schaul dem Kollegen einen guten Tag. Der beachtet ihn erst kaum. Vor allem freut er sich, Schauls Vater nach Jahren wiederzutreffen. Aber als er die klare Stimme des Jungen hört, schaut er ihm unwillkürlich in die Augen.

Dann gehen die Kinder spielen. Die Väter reden über die alten Zeiten. Viel über Gott und etwas über die Welt. Der Gastgeber erkundigt sich immer wieder nach dem Jungen. Und schließlich ruft er ihn zu sich. „Wie heißt Du, mein Junge?“ „Schaul ist mein Name.“ „Gehst Du schon zur Schule?“ „Mein Vater hat mich das Lesen gelehrt.“ „Und kannst Du auch Noten lesen?“ Schaul schüttelt verlegen den Kopf. Mit der Mutter hat er manches Mal gesungen. Aber dazu brauchte er keine Noten.

Als der Vater wieder aufbrechen will, überrascht ihn der Gastgeber mit einem Vorschlag. „Lass den Jungen für eine Zeit bei mir. Ich glaube, er hat ein besonderes Talent. Ich will sehen, ob etwas daraus werden kann.“ Der Vater willigt ein, aus Respekt vor dem berühmten Amtsbruder. Er wagt nicht einmal zu fragen, welches Talent der andere entdeckt zu haben glaubt.

Bald darauf macht Schaul mit seiner Gastfamilie einen Ausflug. Sie kommen in eine Dorfschenke, in der gefeiert wird. Eine Geige spielt. Die Bauern tanzen mit ihren Bäuerinnen. „Euer Fiedler taugt nichts“, sagt der Rabbi zu den Bauern, „lasst meinen Jungen ein Tanzlied vorsingen, da werdet ihr ganz anders tanzen können.“

Die Bauern stimmen zu. Der Junge wird auf einen Tisch gestellt. Und mit seiner Silberstimme singt er ein Lied. Ohne Worte, nur die Melodie. Sofort fährt sie den Bauern in die Füße. Ein junger Bauer springt plötzlich aus ihrer Mitte hervor. „Wie heißt Du?“ „Schaul.“ „Sing weiter!“

Und Schaul singt. Die Melodie geht ins Herz. Aber vor allem die Stimme, die aus einer anderen Sphäre zu kommen scheint. Für die Bauern steht der Himmel offen. Der junge Bauer tanzt zu jedem neuen Lied wilder. Und verzückt wiederholt er immer wieder: „Du Schaul und ich Iwan.“

Dreißig Jahre später reist Schaul über Land. Mittlerweile ist er selber ein Rabbi geworden. Da gerät er in einen Hinterhalt. Räuber nehmen ihm sein Geld ab und wollen ihn erschlagen. Als er sie um Erbarmen bittet, bringen sie ihn zu ihrem Hauptmann.

Der blickt ihn lange und durchdringend an. Schließlich fragt er ihn: „Wie heißt Du?“ „Schaul.“ Die Worte des Hauptmanns scheinen aus einer großen Tiefe zu kommen: „Du Schaul und ich Iwan.“ Er gibt Schaul sein Geld zurück und lässt ihn heimbringen.

Ich mag diese alte jüdische Geschichte. Sie zeigt mir, wie tief die Musik berühren kann. In glücklichen Momenten öffnet sie den Himmel. Gibt ein Gefühl davon, wie schön Gott ist. Und wie lebendig. Solch einen Moment vergisst man auch nach 30 Jahren nicht. Er kann Feinde zu Freunden machen.

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