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Kirche in WDR 2 | 16.09.2016 | 05:55 Uhr

Segeln

19. Juli 1920, kurz nach Sonnenaufgang. Vor Irlands Ostküste pflügt die America‘s Cup-Segelyacht Shamrock IV auf Halbwindkurs durch die Wellen. An Bord eine eingespielte Mannschaft von 12 jungen Männern, am Steuer ein erfahrener Segler. Gespannte Konzentration beherrscht die Szene. Die Kommandos sind kurz und präzise und jeder Handgriff sitzt.

Wohin die Shamrock IV unterwegs ist weiß ich nicht. Die beschriebene Szene ist auf einer Photographie festgehalten, die die Wand meines Arbeitszimmers ziert. Eines meiner Lieblingsphotos.

Szenenwechsel.

19. Juli 2016, kurz nach Sonnenaufgang.

Vor Hollands Westküste gleitet die Klipperaak Broedertruow gemächlich vor dem Wind aufs Wattenmeer hinaus. An Bord 32 Jungen und Mädchen auf Ferienfahrt, am Steuer ein entspannter Kapitän. Unsere alljährliche Segelfreizeit für junge Leute.

Wir sind unterwegs nach Terschelling und freuen uns, wenn vom Steuer ein Kommando kommt und wir die Segel bedienen dürfen.

Was haben ein historisches Frachtschiff und eine längst abgewrackte Regattayacht miteinander zu tun? Die Shamrock IV war ein reines Sportgerät, ein Spielzeug reicher Männer, entwickelt und gebaut um Rekorde zu erzielen und Pokale zu gewinnen.

Die Broedertrouw war ein Frachter, entwickelt und gebaut um möglichst viele Waren preisgünstig von A nach B zu transportieren.

Aber beide Schiffe sind technische Meisterleistungen der Menschen, die sie erdacht und gebaut haben. Gebilde, Maschinen, die im Einklang mit der Natur ihre Kräfte nutzen, um menschliche Ziele zu erreichen. Und beide Schiffe fahren nur, wenn die Menschen auf ihnen zusammenarbeiten. Ohne den Einsatz der Sportmannschaft kein Cup, ohne das Engagement der Jugendlichen kein Segelurlaub auf dem Wattenmeer. Auf die Zusammenarbeit kommt es an. Nur miteinander kann man auf einem Segelschiff das Ziel erreichen.

Gleichzeitig ist so ein Segler eine fragile Angelegenheit: wenn ein Fallwind plötzlich durch die Takelage rauscht, wenn ein Unwetter sich am Horizont zusammenbraut, wenn die Wellen das Schiff durchschütteln und über das Deck spritzen merkt man schnell, wie zerbrechlich und vergänglich alles Menschenwerk gegenüber den Kräften der Natur ist.

Ich mag es, an Bord eines Schiffes zu sein. Ich liebe es, den Wind in den Segeln zu spüren, über die Wellen zu gleiten, im Rhythmus der Natur sich durch die Welt zu bewegen. Und manchmal fallen mir dann die alten Worte aus der Schöpfungsgeschichte wieder ein: und Gott sah alles an was er gemacht hat. Und siehe: Es war sehr gut.

Ja. Die Welt ist schön. Und ein Segelschiff ist wie eine Parabel dafür, wie das Leben auf der Welt sein sollte und sein könnte.

Wenn Menschen Hand in Hand arbeiten, um ein Ziel zu erreichen.

Wenn Verantwortungsträger am Ruder den Überblick behalten und für das Wohl aller sorgen.

Wenn die Kräfte der Natur respektiert werden und die Natur selber geschont.

Wenn Menschen sich als Gäste in einer Welt verstehen, die mehr ist als nur der Lebensraum für uns Menschen.

Wenn Geschwindigkeit eben nicht alles ist.

Die Schöpfung, so, wie Gott sie gemeint und erdacht hat, ist gut.

Und es ist gut, wenn Menschen das ab und an wieder spüren und sich davon berühren lassen.

Bebauen und bewahren sollen wir die Welt, die Gott uns geschenkt hat. Damit wir sie lebenswert weitergeben können, an die, die nach uns kommen.

Ich bete, dass wir Wege finden mögen, das zu erreichen.

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