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Kirche in WDR 2 | 26.09.2016 | 05:55 Uhr

Schlafwandler

Eines Morgens wacht Gregor Samsa auf und realisiert, dass er sich in einen Käfer verwandelt hat. So die berühmte Erzählung von Franz Kafka, »Die Verwandlung«. Kafka entfaltet nach und nach die Geschichte seines Protagonisten, der sich schwer tut mit der Welt, in die er nicht mehr so recht hinein passen will.

Vielleicht kennen Sie auch solche Momente: Man wacht morgens auf und die Welt ist eine andere. Als hätte sie jemand über Nacht umgebaut, sie sieht gleich aus, läuft im selben Takt, aber irgendwas ist anders. Oder bin ich es, der sich im Schlaf gewandelt hat? Bin ich der Schlafwandler?

Mancher Wandel über Nacht fasziniert mich, wie etwa der Tau, der sich früh morgens über alles gelegt hat und die Welt wie eine andere wirken lässt. Oder jetzt der stetige Wandel im Herbst, wenn langsam alles bunt wird.

Oder am 24. Juni. Da wachte ich morgens auf und hörte in den Nachrichten das für mich unbegreifliche: Großbritannien hat für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Der Brexit wird Wirklichkeit. Noch immer habe ich daran zu knabbern. Das Europa, in dem ich groß geworden bin, war wie verwandelt. Seine Grenzen habe ich nie wirklich spürbar kennen gelernt. Und jetzt soll es welche geben? Mein Eindruck ist: diese Verwandlung ist ein Alptraum. Ich will sie nicht wahrhaben.

Mir schießen meine Berliner Freunde in den Kopf, die Engländer sind und sich jetzt überlegen müssen, ob sie in Deutschland bleiben können, in ihrer kürzlich gekauften Wohnung. Und die Menschen, die in England leben und jetzt bedroht werden, weil sie nicht aussehen, wie Briten in rassistischen Köpfen auszusehen haben. Und die Menschen, die nach Europa kommen, in der Hoffnung ein neues Leben anfangen zu können. Was bedeutet für sie die neue Realität?

Ich tue mich schwer mit dieser neuen Wirklichkeit. Am Morgen nach dem Brexit war nichts mehr, wie es war. Und doch wirkt diese Entscheidung nur wie ein Ereignis unter vielen der letzten Monate. Viele Menschen beschleicht das Gefühl, die Welt würde sich immer mehr zum Schlechten wandeln. So viel Ausgrenzung, Gewalt, Terror, Hass. Da fällt es schwer, im Wandel noch etwas Gutes zu sehen.

Jakob ist einer, dem Gott im Schlaf die Welt verwandelt. In der biblischen Geschichte muss er fliehen vor seinem Bruder, den er betrogen hat. Aus Angst um sein Leben schickt ihn seine Mutter zu Verwandten. Unterwegs, irgendwo im Nirgendwo, legt er sich schlafen. Er träumt. Und im Traum hört er Gott sagen: »Schau, ich bin bei dir und ich behüte dich überall, wohin du gehst, und ich bringe dich zurück auf diesen Boden. Ja, ich verlasse dich nicht, bis ich getan habe, was ich dir zusage.«

Es muss Jakob gegangen sein wie Gregor Samsa nach diesem Erlebnis. Er wird so seine Schwierigkeiten gehabt haben mit der Welt, in der er sich an diesem frühen Morgen wiedergefunden hat, kurz nach dem Aufstehen..

Doch er fühlt sich wie verwandelt. Was er sich im Traum ausgemalt hat, hat ihm auch die Furcht vor der Wirklichkeit genommen. Er kann die Welt mit anderen Augen sehen, voll Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht. Er wacht auf als einer, der sich keine Sorgen mehr macht um die Zukunft, obwohl er allen Grund dazu hätte. Allem, was kommt, kann er nun entspannter entgegen gehen. Diese Zuversicht, diese Entspannung, dass plötzlich alles anders aussieht, das wünsch ich mir auch.

Sprecher: Pfarrer Titus Reinmuth, Wassenberg

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