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Kirche in WDR 2 | 14.06.2021 | 05:55 Uhr

Haarige Sache

„Also entweder bis hier oder bis dahin! Mindestens aber so.“ Meine Tochter steht mir gegenüber und zeigt mit ihrer rechten Hand eine gerade Linie. Bis dahin sollen ihre Haare gekürzt werden.

„Von mir aus am liebsten gar nicht!“ – sage ich. „Sieht doch gut aus. Und außerdem ...“

Alle Argumente sind zwecklos. Die Haare sollen ab, eine neue Frisur muss her: „Ich hab den Look jetzt schon ewig, ich will mal was neues ausprobieren.“ Gesagt, getan. Der Termin bei „Haar Klein“ ist auch schnell gemacht. Neben Schnitt und Farbe gibt es aber diesmal eine Besonderheit. Mindestens 25 cm müssen abgeschnitten werden. Und dürfen auf keinen Fall auf den Boden fallen. An beiden Enden der Zöpfe müssen Haargummis sorgfältig die Pracht gebündelt halten, denn sie sollen gespendet werden.

Die Friseurin staunt nicht schlecht. Sowas hat sie noch nie erlebt, obwohl schon etliche Meter Haar durch ihre Hände geglitten sind.

„Was macht man denn mit gespendeten Haaren?“ –will sie wissen. „Daraus werden Perücken für Krebskranke gemacht“, sagt meine Tochter, nicht ohne Stolz in der Stimme. „Kann man auch im Internet ganz einfach finden: Einfach Haare-spenden bei Google eingeben!“

Vor dem Verschicken mit der Post muss natürlich die neue Frisur bewundert werden. Nicht nur von Papa und Mama. Der neue Style und die ungewöhnliche Spende eignen sich hervorragend für eine neue Insta-Story. Gute Ideen müssen eben geteilt werden. Ich schlage vor, für die Fotos einen Klingelbeutel aus der Kirche zu holen, um die Zöpfe dort halb hineinzulegen. „Warum das?“ bekomme ich zur Antwort. „Na, wegen der Spende!“ sage ich. „Ach so, nee, das versteht doch keiner,“ bekomme ich zu hören. Kann sein. Wer weiß das überhaupt noch, dass damit im Gottesdienst immer das Geld eingesammelt wird? Heute spenden die meisten digital.

 

Haare spenden geht bei meinem Kurzhaarschnitt leider nicht. Aber nach fast anderthalb Jahren Corona könnte ich mal meinen Kleiderschrank ausmisten und mir überlegen, wohin ich die Sachen abgebe. Und auf einem anderen Gebiet bin ich sowieso Langzeit-Spender. Seit damals diese gute Idee geteilt wurde. Nicht im Internet, sondern auf großen Plakaten am Straßenrand und in Fernsehspots: „Mein Blut für dich!“ stand da in großen Lettern. Heute ist internationaler Blutspendetag. Und auch wenn das deutsche Rote Kreuz diese Werbung nicht mehr schaltet, denke ich nach jeder Blutspende: Wie gut, dass ich etwas geben kann, was das Leben von anderen verändert. Sowas zu tun, das ist gewiss kein alter Zopf, sondern immer eine gute Idee.


Sprecher: Daniel Schneider

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth 

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