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Kirche in WDR 2 | 04.10.2021 | 05:55 Uhr

Ein bisschen schief

Es gibt so Sätze, die bleiben einfach hängen. Zum Beispiel der: „Ein bisschen schief hat Gott lieb.“ Den habe ich im Urlaub aufgeschnappt. Oben an der Ostsee in Schleswig-Holstein. An dem Tag machen wir einen Ausflug mit dem Schiff. Es ist noch Zeit bis zur Abfahrt. Also schreiben wir ein paar Postkarten. Dann setzen sich uns zwei Frauen gegenüber, offenbar Freundinnen, vielleicht um so die 50. Ich schiebe eine Karte zu meiner Frau rüber, sie unterschreibt und klebt eine Briefmarke drauf. „Die ist aber schief“, sage ich. Darauf meint die Frau schräg gegenüber: „en beten scheev hett Gott leev“. „Wie bitte? Was haben Sie gesagt?“, frage ich, „ich hab‘ irgendwas von Schaf verstanden...“ „Nee...“, „ein bisschen schief hat Gott lieb!“ „Ach so, verstehe!“. Ich muss schmunzeln. Jetzt will die andere ein paar Fotos zu machen. Sie zückt schon ihr Handy. „Nee, lass mal“, protestiert ihre Freundin, „ich seh‘ auf Fotos nie gut aus.“ Sie möchte wirklich nicht. Ich gebe mir einen Ruck: „Wie haben Sie gerade gesagt: Ein bisschen schief hat Gott lieb, oder?“ Sie lacht. „Da haben Sie auch wieder recht. Na gut. Wir versuchen es mal.“

Das Schiff legt ab, die Stimmung bleibt heiter. Die beiden erzählen noch, dass sie oben am Leuchtturm eine Weile bleiben und etwas essen wollen. Da gibt’s ein kleines Restaurant, da arbeiten junge Leute mit Behinderung oder einer psychischen Erkrankung. Nicht nur in der Küche, auch im Service. „Die Bedienung ist immer total nett, nur die Bestellung muss man auf einem Zettel ankreuzen, damit auch nichts schiefgeht.“ Klingt gut. Und ich muss nochmal über diesen kleinen Satz nachdenken: Ein bisschen schief hat Gott lieb. Ja, jeder Mensch ist etwas Wunderbares, ganz egal, welche Fähigkeiten er oder sie hat. (Wer will denn bestimmen, was hier „normal“ ist oder „schön“?)

Am nächsten Tag scheint endlich mal richtig die Sonne. Wir nehmen die Räder und machen eine Tour zum nächsten Ostseestrand. Wir sind nicht die einzigen. Es ist ein buntes Treiben. Familien, Kinder, auch ein paar ältere Männer und Frauen, Strandprofis mit gebräunter Haut und Frischlinge, die das T-Shirt in diesem Sommer noch nicht so oft ausgezogen haben. Und ich mittendrin. Wenn ich an mir runterschaue, sehe ich die ein oder anderen Hautprobleme und mindestens zehn Kilo zu viel. Alter weißer Mann. Als George Clooney-Double gehe ich jedenfalls nicht mehr durch. Schäme ich mich etwa? Jedenfalls kostet mich „Oberkörper frei“ etwas Überwindung. Ich schaue mich um. Na gut, ich bin nicht der Einzige, der nicht gerade dem Werbeclip entsprungen ist. Auf einen Mann oder eine Frau mit der vermeidlich idealen Strandfigur kommen vielleicht 20 andere, die eben aussehen, wie sie aussehen. Wie war das? Ein bisschen schief, hat Gott lieb. Ich geb’s zu: Manchmal muss ich mir das selbst sagen.

 

 

Redaktion: Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

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