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Hörmal | 26.12.2021 | 07:45 Uhr

Weihnachten im Gefängnis - vor Gott sind alle gleich

Mein Weihnachten ist morgen – dann, wenn eigentlich schon alles vorbei ist.

Das ist jedes Jahr so. Seit 18 Jahren gehe ich Weihnachten ins Gefängnis.


Die von draußen kommen jedes Jahr wieder. Es sind die, die auch Geld sammeln für die

Gefangenen. Für die sogenannten Weihnachtspäckchen. Ohne ihre Spenden würden viele

Gefangene Weihnachten leer ausgehen.


Die Justizvollzugsbeamten sind an Weihnachten meist gut gelaunt.

Sie führen einen über das Knastgelände in die Kirche, schließen immer wieder Türen.

In dem langen verglasten Korridor gehe ich

an der Küche vorbei, den Lehrwerkstätten, der Schule. Ich sehe die Gefangenen in ihren Hafthäusern. Sie hängen an ihren Fenstern. Manche rufen Hallo oder frohe Weihnachten.


Ich erinnere mich an vergangene Weihnachtsgottesdienste. An einzelnen Gefangene. Drinnen ist es wie draußen. Es gibt die, die oben sind. Die selbstbewusst auftreten. In kurzärmeligen T-Shirts, Muskel bepackt, in Macho Pose und am Checken sind. Und es gibt die, die unten sind. Die Abgemagerten in zu großen Trainungsanzügen, die Verängstigten, Verschreckten, Verunsicherten. Die sich in die letzte Reihe setzen, nur leise reden, nicht auffallen wollen. Und es gibt die Außenseiter, die sitzen meist allein am Rand.


Ich erinnere mich an den Maschen-Zaun in der

Kirche. Dahinter ein Gefangener,

der den Panther von Rilke zitiert: „Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.“


Das Gefängnis – das äußere, die Mauern. Und das innere, das alle kennen. Gefangen in Schuld, in Trauer, Verzweiflung, Krankheit. Alle wollen sie raus. Aus ihrem Gefängnis.

Und an keinem Ort wie an diesem spüre ich so deutlich, wie gleich wir Menschen doch alle sind. Wir alle wollen raus und wissen: Alleine schaffen wir es nicht. Wir sind angewiesen. Auf andere. Auf ein Wort, ein Blick, eine Geste. Wir sind angewiesen auf Gott und seine Engel.

Und ich spüre, die anderen spüren es auch. Tränen kullern über die Wangen bei denen von draußen. Taschentücher werden gezückt. Hier und da ein Schnäuzen, ein Schniefen. Die von drinnen werden ganz still. Die Muskelprotze mit den tätowierten Nacken. Die Körperlosen und die Normalos. Sie alle spüren: Sie sind angewiesen. Und jetzt – in diesem Moment-

sind sie nicht allein. Es gibt nicht mehr die von draußen und die von drinnen. Hier ist jeder Mensch und darf es sein. Nicht mehr, nicht weniger. Hier an der Krippe im Gefängnis, bei der Geburt Jesu. Dem Sohn Gottes. Hier spüren alle: Sie sind angewiesen. Auf Gott und seine Engel, die einen trösten, Mut machen und Türen öffnen. Zu sich selbst, zu anderen und manchmal auch zu Gott.




Redaktion: Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

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