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Kirche in WDR 2 | 16.03.2022 | 05:55 Uhr

Brillenschlange

„Brillenschlange!“ So wurde ich als Kind wahnsinnig oft beschimpft. Und das sitzt bei mir ziemlich tief.

Seit ich anderthalb gewesen bin, habe ich eine Brille getragen. Weitsichtig. Hornhaut verkrümmt. An sich etwas ganz Unspektakuläres. Aber erstens können Kinder sehr gemein sein, wenn ein Kind etwas anders aussieht als alle anderen. Und zweitens sind Brillen einfach wahnsinnig unpraktisch, wenn man klettert und wild spielt. Meine Brillen sind regelmäßig kaputt gegangen, in der Mitte durchgebrochen, Bügel verbogen, Glas rausgerutscht…

Und mitten in der Pubertät, als ich längst Kontaktlinsen getragen habe, war die Weitsichtigkeit plötzlich weg.

„Du brauchst keine Brille mehr!“ Das war der rettende Satz in die Normalität, in das so Sein wie die anderen. Zumindest optisch.

Und seitdem habe ich mich unendlich glücklich geschätzt, keine Brille zu brauchen. Es war ein purer Luxus und etwas ganz besonderes für mich, immer wieder habe ich gedacht: Was für ein Glück, dass deine Augen besser geworden sind.

Und dreimal dürfen Sie raten: Dank der Pandemie habe ich seit ein paar Wochen wieder eine. Leider habe ich es dann doch nicht mehr ausblenden können, dass die Buchstaben auf dem Computer verschwimmen und ich beim Lesen die Augen zusammenkneifen muss. Augen ausmessen lassen, Dioptrin und Hornhautverkrümmung wieder erkannt, Brille bestellt.

Das Schöne ist, als ich sie das erste Mal auf der Nase hatte, konnte ich viel, viel besser sehen! Aber genauso ist es mir sofort in den Kopf geschossen: „Du Brillenschlange”. Das sitzt einfach tief.

Und jedes Mal, wenn mir jetzt Menschen sagen, dass die Brille mir wirklich gut steht, warte ich darauf, dass irgendwer hinter ihnen hervortritt und sagt: „Du Brillenschlange!“

Macht natürlich keiner, ich bin Mitte 30, und rund um mich herum tragen fast alle Brillen. Brillen sind längst in Mode, und total okay.

Übrigens gehe ich auch davon aus, dass Gott mich mit meiner Weitsichtigkeit nicht ärgern will, sondern dass sie mir auch ganz metaphorisch etwas zeigen kann: wie wichtig eine klare Sicht auf die Dinge ist; dass ich nicht alles allein schaffen muss, und dass Schmerzhaftes aus der Kindheit nicht automatisch schmerzhaft für mich als Erwachsene sein wird.

Die Sache mit der „Brillenschlange“ ist eine Kleinigkeit im Vergleich zu manchen Dingen, die Kinder anderen Kindern antun. Mobbing kommt überall vor und zerstört viel für einen Menschen. Und falls Ihre Kinder davon betroffen sind oder davon aus der Schule erzählen, schauen Sie genau hin. Mit oder ohne Brille.

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