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Kirche in WDR 2 | 23.05.2022 | 05:55 Uhr

Das Verjagte wieder suchen

Heute ist wieder Montag, und weil heute Montag ist ist das Wochenende rum. Tja. Und vielleicht freuen Sie sich auf die neue Woche und starten voller Tatendrang und Energie. Aber anderen Menschen geht es vielleicht ganz anders. Vorletzte Woche Montag war so ein Tag. Da habe ich einen Menschen beerdigt. Und alle, die auf den Friedhof gekommen sind waren ziemlich traurig.

Der Mensch, der gestorben war, war bereits in jungen Jahren an einer bipolaren Störung erkrankt. Was bedeutet hat: Sein ganzes Leben ist zwischen diesen beiden Polen ausgestreckt gewesen: euphorische manische Phasen und tiefe depressive Phasen mit zum Teil langen Klinikaufenthalten. Als ich mit den Angehörigen gesprochen habe, kam mit nachher dieses Bild in den Sinn, mit dem ich die Krankheit zu fassen versucht habe: Ein Mensch, der sich permanent in ein Tuch einwickelt, so dass er fast wie in einem Kokon verschwindet. Um sich dann mit Karacho wieder auszuwickeln. Einwickeln – Rückzug, Müdigkeit, Traurigkeit, Depression. Auswickeln – unzähmbare Euphorie, überschießende Lebensfreude, ein Gefühl, die ganze Welt umarmen zu wollen. Und das ganze Leben lang schlägt dieser Rhythmus.

Die Angehörigen haben erzählt, am anstrengendsten sei es gewesen, Menschen diese Erkrankung zu erklären. Freundinnen und Freunde hätten sie oft nicht nachvollziehen können. Der Mensch ist doch kerngesund! Ist doch super drauf! Was habt ihr bloß? Tja.

Als ich einem Kollegen von diesem Menschen erzählt habe sagte er mir am Telefon einen Satz, der im Buch Kohelet steht, einem kleinen wunderbaren biblischen Buch. Und der Satz hat mich echt elektrisiert: Da steht nämlich: „Und Gott wird das Verjagte wieder suchen.“

Was für ein Hammersatz. Gott ist einer, der permanent auf der Suche ist. Und er sucht nicht irgendwas, Glanz und Gloria, sondern – er sucht das Verjagte. Und da habe ich mir den verstorbenen Menschen vorgestellt. Und ich hab mir gedacht: Vielleicht hat dieser Mensch sich auch so gefühlt: Verjagt, also ruhelos, ortlos, unruhig, unbehaust, rastlos und heimatlos. Und wie wunderbar wäre der Gedanke, dass der Spur dieses Menschen, der sich ständig innerlich gehetzt fühlt, ein treuer Gott folgt, der nicht aufhört, ihn zu suchen. Und ihn nie verloren gibt. Auch über die Grenze des Todes nicht.

„Gott wird das Verjagte wieder suchen“. Was für ein wunderbarer Satz. Denn mir ist dieses Gefühl auch nicht fremd. Auch ich denke oft, ich bin einer, der sich von Menschen und Arbeit und Umständen jagen und treiben lässt. Und sich dabei im oft gnadenlosen Takt der Welt selbst zu verlieren droht.

Aber heute Morgen ist der Gedanke, dass Gott das Verjagte wieder sucht für mich ein sehr tröstlicher Gedanke, mit dem ich sehr gern in die neue Woche gehe. Gott sieht das, hinter dem sich ein Mensch vielleicht sein ganzes Leben lang hinterher sehnt: Anzukommen, endlich auszuatmen, bei sich zu sein, einen Ort zu haben, an dem es gut ist. Dann wäre Gott nicht ein x-beliebiger Antreiber wie all die Antreiber dieser Welt und ich der Getriebene. Sondern Gott wäre der, der sich Sorgen macht. Dem ich was bedeute. Egal wie zerzaust und mir selbst fremd und unglücklich und heimatlos ich auch immer bin. Was für ein schöner Gedanke. Nicht nur an einem Montagmorgen.

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