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katholisch

Hörmal | 20.11.2022 | 07:45 Uhr

Sehnsuchtssonntag

In dieser Sache sind die Christen ja ihrer Zeit voraus: Heute ist schon der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Aber der Name dieses Sonntags klingt wie aus der Zeit gefallen. Er heißt dann auch noch je nach Konfession anders: „Ewigkeitssonntag“ in der evangelischen Kirche. Und bei den Katholiken spricht man offiziell vom „Hochfest unseres Herrn Jesus Christus, des Königs des Weltalls“. Bei beiden Namen verstehe selbst ich als Theologe eher nur Bahnhof. Für mich klingt beides sehr abgehoben: Denn was ist Ewigkeit und wie kann ich mir das Weltall vorstellen, geschweige denn einen König des Weltalls? Beides gehört irgendwie zu einer jenseitigen Welt. Aber um mir da etwas vorstellen zu können, muss doch die jenseitige Welt etwas mit der diesseitigen Welt, eben mit meiner Welt zu tun haben. Aber was könnte das sein?

Für mich hat die Vorstellung vom Jenseits mit Sehnsucht zu tun. Daher würde ich ja den heutigen Sonntag ganz einfach „Sehnsuchtssonntag“ nennen. Denn Sehnsucht beginnt, wo mir in meinem Leben etwas fehlt und das kann sehr unterschiedlich sein.

Der griechische Philosoph Platon hat einmal sehr anschaulich über die Sehnsucht nach Vereinigung geschrieben und zwar in seinem Mythos vom Kugelmenschen. Da heißt es:

Die Menschen waren ursprünglich kugelförmige Wesen mit vier Armen, vier Beinen und zwei Gesichtern, die allerdings in entgegengesetzte Richtungen blickten. Aber dann wurden diese Einheiten geteilt. Daraus entstanden die heutigen Menschen. Nur der Bauchnabel erinnert sie daran, dass sie aus sich nicht ganz sind. Er erinnert sie daran, dass da irgendwo auf der Welt ein anderer halber „Kugelmensch“ rumläuft, mit dem die vormalige Einheit wieder hergestellt werden kann. Übrigens: Platon ist es damals egal, ob diese Hälfte vom selben oder anderen Geschlecht ist. Worauf es ankommt: Platon definiert den Menschen als ein Wesen, das aus sich selbst nie ganz sein kann. Weil eben die andere Hälfte fehlt.

Und so macht sich bei Platon jeder Mensch sehnsuchtsvoll auf die Suche nach seiner anderen Hälfte, um sich mit ihr zu vereinen und wieder zur Vollkommenheit, eben zur Kugel zu werden.

Ich finde Platon hatte einen ziemlich guten Riecher dafür, dass wir eben Sehnsuchtswesen sind. Wir leiden an unserer Unvollständigkeit und sehnen uns nach Ganzheit, Vollendung und Vereinigung.

Ich würde mit Platon, jenseits vom Beziehungsleben fragen: Wenn die Kugel doch ein Symbol der Vollkommenheit ist, was fehlt mir dann sonst noch alles, um einmal ganz zu sein? Was ist mit meinen körperlichen Gebrechen, mit meiner Unruhe und meinen Ängsten? Was ist mit den vielen Möglichkeiten, die ungenutzt blieben und bleiben, im Beruf, im Privatleben; was mit all den nicht eingelösten Versprechen und Erwartungen? Ob das alles einmal erfüllt und vollkommen wird? Sicherlich nicht in dieser Welt. Und da kommt für mich dieser letzte Sonntag im Kirchenjahr ins Spiel, als der Sehnsuchtssonntag. Wenn Gott der Vollkommene ist, dann sehne ich mich doch eigentlich nach diesem Gott und hoffe darauf, dass mein Leben und das Leben aller Menschen ja die ganze Schöpfung also das ganze Weltall einmal für immer vollendet werden.

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