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Hörmal | 09.07.2023 | 07:45 Uhr

Mit anderen Augen gesehen

Ich bin mit einer Mädchengruppe in Paris. Es ist eine besondere Tour. Wir sind ohne Geld unterwegs, haben nur die Zugtickets gekauft und die freundliche Zusage der deutschen Gemeinde, in ihren Räumen auf Isomatten übernachten zu dürfen. Mit Straßenmusik sammeln wir nun so viel Geld, wie wir für das Nötigste an Lebensmitteln brauchen. Paris ist für uns eine Stadt, die wir mit Reichtum, Luxus, Mode und Glitzer in Verbindung bringen. Nun wollen wir bewusst ein paar Tage zu Fuß das andere Gesicht von Paris entdecken, den Alltag, auch die nicht so schönen Seiten dieser Metropole.

Bei unseren Touren durch die Stadt haben wir eine lebensgroße Stoffpuppe dabei, Lotte. Sie sieht recht menschlich aus, allein was ihr fehlt, sind die Augen. Jede von uns trägt eine Stunde lang Lotte und verleiht ihr in dieser Zeit die eigenen Augen. Abends erzählen wir uns gegenseitig, was Lotte gesehen hat und halten einige dieser Storys in einem Tagebuch fest.


Die Puppe öffnet uns die Augen für Dinge, die wir sonst im Getriebe der Stadt schnell übersehen würden. An einem Tag, sagt eine Jugendliche, die gerade Lotte auf ihren Schultern trägt: „Halt, stopp! Seht mal, der ältere Mann dahinten. Er ist gefallen.“ Tatsächlich, ein alter Mann ist gestürzt und hat sich den Kopf auf dem Asphalt blutig geschlagen. Der Mann versucht vergeblich sich aufzurichten. Wir laufen hin, leisten Erste Hilfe und rufen den Rettungsdienst. Wir bleiben bei ihm und sprechen beruhigend auf ihn ein.


Bis der Rettungswagen eintrifft, hat der Mann kaum ein Wort gesagt. Die Rettungssanitäter übernehmen. Als sie den Mann in den Krankenwagen bringen, dreht er sich noch einmal zu uns um. Er sieht uns an und sagt in gebrochenem Deutsch: „Ich habe nie gedacht, dass ich mal einem deutschen Menschen Danke sagen werde, aber jetzt mache ich es: Danke! Merci!“ Diese Begegnung hat uns alle sehr berührt. Wir haben nie wieder etwas von diesem Mann gehört. Wir kennen weder seine Geschichte, noch wissen wir, was er erlebt hat … mit Deutschen. Aber an diesem Abend hat Lotte eine Menge zu erzählen, was sie in den Blicken des Mannes gesehen, geahnt, gemutmaßt hat.


„Der Mensch denkt und Gott lenkt“ An diesem Tag hat er unsere Wege völlig unerwartet aufeinandertreffen lassen und unser aller Gedanken in eine neue Richtung gelenkt. Es braucht gewiss nicht solche Notsituationen, aber es braucht Begegnungen von Mensch zu Mensch. Solche Momente bergen die Chance für Unerwartetes, vielleicht sogar Versöhnung. Möge Gott unsere Aufmerksamkeit und unsere Schritte dafür an die richtigen Orte lenken.



Redaktion: Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

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