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Kirche in WDR 2 | 21.09.2023 | 05:55 Uhr

Über`s Vergessen

Grete hat früher immer ein super Gedächtnis gehabt.

Egal ob es um Telefonnummern, Namen oder Kochrezepte gegangen ist, Grete hatte alles im Kopf.

Sie hat nie einen Einkaufszettel gebraucht und Geburtstage hat sie nie vergessen. Auf Grete konnte man sich verlassen, klarer Fall.

Doch im vergangenen Jahr hat sich etwas verändert. Grete vergisst ihren Schlüssel, lässt die Kaffeemaschine an oder stellt das Spülmittel in den Kühlschrank.

Telefongespräche fallen ihr schwer und sie wirkt abgelenkt und fahrig, wenn man sie trifft.

Sie selbst streitet alles ab. Ich soll sie in Ruhe lassen und mit 85 Jahren wird man halt mal etwas vergesslich. „Warum regen sich die Leute nur so auf?“ raunzt Grete mich an. „Sollen sie sich doch alle zum Teufel scheren.“

Nach mehreren liebevollen Versuchen gelingt es uns, mit Grete zum Arzt zu gehen und die Vermutung wird zur Gewissheit. Grete hat Demenz - die Krankheit des Vergessens.

Wie schnell es gehen wird, frage ich den Arzt. Keine Ahnung, sagt er. Monate, vielleicht noch Jahre. Grete sitzt da und schaut ins Leere.

In den nächsten Wochen und Monaten versuchen wir so viel Wissen zu sammeln, wie es uns möglich ist. Grete wirkt immer unkonzentrierter. Sie ist unruhig, steht auf, wenn wir zusammen am Tisch sitzen und läuft rastlos durch die Wohnung.

„Warum schreibst du alles auf?“ fährt sie mich an. „Ich werde doch nicht doof.“ Sie tippt sich an den Kopf. „Ich weiß das alles noch.“

„Ja“, sage ich und lege den Stift beiseite. „Aber ich will es auch wissen, bevor du es vergisst und mir nicht mehr erzählen kannst.“ Grete stutzt und dann schreiben wir weiter Kochrezepte und Anekdoten aus ihrer Kindheit auf.

Es geht alles viel schneller, als ich gedacht habe. Von einem auf den anderen Tag kann Grete nicht mehr alleine wohnen und zieht - unter viel gutem Zureden – in`s Altersheim. Dort will sie nicht sein. Sie fragt mich nach ihren Eltern. Sie fragt, wann sie nach Hause kann. Rastlos läuft sie durch die Gänge und sucht nach Dingen, die es vielleicht nie gegeben hat oder die schon lange in der Mülltonne gelandet sind. Aber sie lächelt immer, wenn ich sie besuchen komme. Ich singe ihr Schlagerlieder vor und halte ihre Hand. Sie summt leise mit und nestelt dabei an ihrer Decke.


Anderthalb Jahre lebt Grete noch, dann stirbt sie im Altersheim. Am Ende kann sie nicht mehr sprechen und auch nicht mehr laufen.

Bei der Beerdigung sagt die Pfarrerin: Das ganze Leben ist Erinnerung und Gott schreibt die Geschichte mit. Das tröstet mich, denn: Der Mensch ist und bleibt Ebenbild Gottes, egal, ob mit oder ohne Demenz. Bei Gott gibt es kein Vergessen.


Redaktion: Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

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