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Hörmal | 15.10.2023 | 07:45 Uhr

Atmen und sprechen

Es ist so selbstverständlich. Es geschieht ganz unbewusst. Und doch ist diese Handlung die Überlebenswichtigste des Menschen: sein Atemholen. Wie oft ich Atem hole, weiß ich nicht. Tag und Nacht unzählige Male – immer wieder ein- und ausatmen. Ein unbewusster Reflex. Meist wird mir das erst bewusst, wenn ich außer Atem gerate, weil ich mich angestrengt habe, oder nach Luft schnappen muss, weil sie mir vorher weggeblieben ist. Das Atmen gehört zum Leben, atmen bedeutet leben. Und so verwundert es auch nicht, dass, wenn vom Atemholen die Rede ist, ganz schnell von Gott die Rede ist. Sie wissen schon, Bibel, Schöpfungsbericht: Gott haucht dem Menschen seinen Atem ein (Gen 2,4-7). Ich halte es jetzt aber eher mit Johann Wolfgang von Goethe, dem großen deutschen Dichter. Der hat das Phänomen des Atemholens jedenfalls in einem kurzen Gedicht so mit Gott zusammengebracht:

„Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:

Die Luft einziehen, sich ihrer entladen;

Jenes bedrängt, dieses erfrischt;

So wunderbar ist das Leben gemischt.

Du danke Gott, wenn er dich preßt,

Und dank ihm, wenn er dich wieder entläßt.“[1]

Und jeder, der schon einmal Atemnot hatte, weiß, was Goethe da als Gnade bezeichnet.

Ich will aber noch auf etwas anderes hinaus, das vielleicht gut zu Goethe passt, der ja ein Mann der Worte und der Sprache war. Es geht mir ums Sprechen. Sprechen geht nur mit Ausatmen. Versuchen Sie einmal einzuatmen und dabei zu sprechen. – Geht nicht, jedes Wort klingt unverständlich. Daher erst einatmen – und dann ausatmen – und dabei sprechen. Und was sich jetzt wieder so selbstverständlich anhört, hat doch auch eine tiefere Bedeutung. Denn so, wie dem Ausatmen das Einatmen vorausgeht, so geht meinem Sprechen immer erst etwas voraus, was ich gehört und erfahren habe. Gut, das bedenke ich dann, verarbeite es und kann dann davon erzählen, so wie jetzt hier im Radio. Aber vorausgesetzt ist immer: Ich selbst habe etwas gehört und erfahren, um darüber sprechen zu können. Immerhin, das Hören geht ja dem Sprechen voraus, wie das Einatmen dem Ausatmen.

Allerdings gibt es auch das: Wie man atemlos sein kann, kann man auch sprachlos sein, weil das, was ich erfahren habe, für mich zu überwältigend ist. Das war für mich zum Beispiel etwas sehr Schönes: der Blick auf die Pont du Gard in Südfrankreich im letzten Urlaub – eine 2000 Jahre alte Brücke. Es kann aber auch etwas Schockierendes sein, was mich traumatisiert. Ich muss da nicht nur an die vielen Opfer von Krieg und Gewalt denken, sondern auch an die vielen Opfer von Überflutungen und Erdbeben. Wie wichtig ist es da, die Menschen zum Sprechen zu bringen, damit sie das, was sie aufgenommen und erfahren haben, aussprechen und es so verarbeiten können. Dank an alle, die sich traumatisierter Menschen annehmen! Und genau dabei ist es wiederum so wichtig, die richtigen Worte zu finden, damit andere sie aufnehmen können und die Menschen damit zum Sprechen gebracht werden können.

Und wenn Goethe schon Gott dankt für das Ein- und Ausatmen, dann will ich hier eine Bitte ergänzen, für alle, die sprachlos geworden sind, – warum auch immer. Es ist eine Bitte an Gott aus einem Lied des christlichen Liedermachers Manfred Siebald und lautet ganz einfach:

„Gib mir die richtigen Worte

Gib mir den richtigen Ton …“[2]



[1] Johann Wolfgang von Goethe, Gedichte. West-östlicher Divan, 1814 - 1819. Buch des Sängers.

[2] Manfred Siebald, Gib mir die richtigen Worte (1978), zitiert nach https://www.evangeliums.net/lieder/lied_gib_mir_die_richtigen_worte.html.

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