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Hörmal | 14.01.2024 | 07:45 Uhr

Ich-Worte

Seit vielen Jahren besuche ich immer am ersten Januar eine Kunstausstellung. Das ist dann für mich so eine Art Neujahrsauftakt wie für andere der Neujahrsspaziergang. Diesmal hatte ich mir das Zentrum für internationale Lichtkunst in Unna ausgesucht – bloß: Neujahr war es geschlossen. So hat mein Vorsatz etwas warten müssen. Aber: Ich wollte da unbedingt hin. Das hing vielleicht damit zusammen, dass die Tage um die Jahreswende so grau und so dunkel waren: Das Museum für Lichtkunst war also ideal für meine Sehnsucht nach etwas Erhellendem – vielleicht auch nach Zuversicht für das neue Jahr.

Und, was soll ich sagen: Der Besuch hat sich gelohnt! Meine Begeisterung fängt damit an, dass die allermeisten Lichtinstallationen in der ehemaligen Lindenbrauerei gezeigt werden und man deshalb viele Meter unter die Erde steigen muss, dorthin, wo früher das Bier in Eiskellern gelagert wurde. Die dunklen Keller eignen sich hervorragend dafür, Lichtinstallationen zu präsentieren.

Aber noch bevor ich in den Keller gestiegen bin, hat mich eine Lichtinstallation schon gefesselt: Am Eingang konnte ich durch ein großes, kreisrundes Loch im Boden, das mit Panzerglas abgedeckt war, schon gleich in die Tiefe schauen, wie in einen Brunnen. Nur – das war kein Brunnen, sondern der ehemalige Aufzugsschacht, um früher die Bierfässer aus dem tiefen Keller nach oben zu bringen.

Jetzt hat hier der niederländische Künstler Jan van Munster auf mehreren Ebenen blaue Leuchtstoffröhren installiert, und zwar in Form von Worten. Bei diesen Worten handelt es sich immer um das Wort „Ich“, allerdings in zehn verschiedenen Sprachen und jedes Wort immer auch einmal spiegelverkehrt. Durch eine Wechselschaltung blinken immer verschiedene „Ich-Worte“ auf.

Jan van Munster nennt das Ganze: „Ich [im Dialog]“. Und das hat mich nachdenklich gemacht: Wer ist hier eigentlich mit wem im Dialog? Eigentlich doch ich mit mir selbst, nur dass es viele Stimmen von mir sind, so wie es das Wort „Ich“ in den verschiedenen Sprachen anzeigt. Und um tatsächlich einen Dialog mit mir zu führen, muss ich in mich gehen, in mich hineinhören, oder wie es die Lichtinstallation nahelegt: in die Tiefe blicken.

Das ist gar nicht so einfach, wenn ich mich mir selbst aussetze und feststelle, wie viele Ichs in mir sind und wie viele Stimmen ich in mir wahrnehme, die womöglich einander widersprechen. Da kommt dann schon auch die Frage auf: Wer bin ich den eigentlich? Und welcher Stimme soll ich folgen?

Mich hat dieses „Ich im Dialog“ schließlich an ein Gedicht erinnert von Dietrich Bonhoeffer, dem großen evangelischen Theologen und Märtyrer. Schon ein Jahr war Bonhoeffer von den Nationalsozialisten gefangen. Er wartete auf sein Urteil. Und da fragt er sich in einem Brief: „Wer bin ich?“[1] Er vergleicht die Eindrücke, die andere von ihm haben, mit seinen eigenen. Das gipfelt dann in den Fragen: „Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?“ Bonhoeffer lässt damit für mich persönlich ebenso tief blicken wie die Lichtkunst in Unna.

Bei allem Zaudern und aller Ungewissheit ringt er sich allerdings schließlich durch und bekennt: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Und das klingt für mich zuversichtlich – gerade am Beginn des neuen Jahres!


[1] Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Neuausgabe, München: Chr. Kaiser Verlag, 2. Auflage 1977, S. 381f.

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