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Hörmal | 09.06.2024 | 07:45 Uhr

Templones Ende

Herr Templone wohnt in einer wundervollen Villa. Zusammen mit seiner Tochter. Im schönsten Viertel der Stadt. Der Schriftsteller Martin Walser erzählt seine Geschichte. Mit seinen Nachbarn versteht er sich gut. Sie besuchen sich oft und feiern zusammen.

Aber die Welt verändert sich. Seit einiger Zeit kommen neue Nachbarn. Herr Templone beobachtet sie misstrauisch. Gleichen sie sich nicht, als wären sie alle miteinander verwandt? Sie erobern das Viertel wie eine Sekte oder eine ausländische Verschwörung. Sie sprechen leise und lachen laut. Die alten Nachbarn verkaufen nach und nach ihre Häuser. Spekulanten sorgen anscheinend für Panik.


Die Templones igeln sich ein. Zu den neuen Nachbarn vermeiden sie jeden Kontakt. Sie bauen Fernrohre auf, um die Fremden zu beobachten. Sie befestigen ihre Mauern und bestücken sie mit Glasscherben. Und sie nehmen einen Untermieter auf, als Verstärkung. Wenn alte Gäste kommen, serviert Templone reichlich Alkohol. Damit die Feier laut wird und die neuen Nachbarn merken: Hier herrscht immer noch Leben im Haus!


Wenn die Gäste fort sind, legt Templone Schallplatten auf. Keine Musik, sondern Geräusche. Bei offenen Fenstern lässt er sie den ganzen Tag laufen. Aber die Nachbarn spielen weiter ungerührt Tischtennis. Tuscheln. Lachen. Und kümmern sich nicht um ihn.


Zuletzt denkt Templone ans Aufgeben. Aber im großen Stil. Die Immobiliengesellschaft, die das Viertel übernommen hat, soll sich bei ihm melden. Soll ihn anerkennen als den, der am längsten ausgehalten hat. Und ihm einen sensationellen Preis bieten für sein Haus. Doch bevor es dazu kommt, stirbt Templone.


Der Gasmann kommt und findet ihn. Er holt die Nachbarn. Die sorgen für eine würdige Beerdigung des seltsamen Mannes. Er hat zwischen ihnen gelebt ohne je zu grüßen, verschlossen wie ein Stein. Sie haben nie verstanden, warum er so abweisend gewesen ist. Hätten ihn gerne aufgenommen in ihre Gemeinschaft. So geht es einem, der Veränderungen nicht zulassen kann. Der in neuen Nachbarn nur Feinde sehen kann. Der lieber einsam stirbt, als mit der Zeit zu gehen.



Quelle: Martin Walser, Templones Ende, in: ders., Ein Flugzeug über dem Haus, Frankfurt a.M. 1997, S. 86-103


Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

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