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Kirche in WDR 3 | 08.11.2014 | 07:50 Uhr

„Die Kirche – Eine Ruine“

Guten Morgen!

Die Kirche ist für mich eine Ruine. Ich sollte dazu sagen, dass ich Ruinen faszinierend finde. Das begann als kleiner Junge in den zerfallenden Mauern des Hohentwiels. Diese alte Festungsruine ist bis heute eine stumme Zeugin einer untergegangenen Epoche. Wie die Menschen darin bloß gelebt haben? Was waren ihre Träume, wie war Ihr Alltag und was waren Ihre Geheimnisse? Diese Fragen beschäftigen mich bis heute in jeder Ruine, die ich erkunde.

Meine Lieblingsruine ist die Kathedrale von Cluny. Jahrhundertelang – bis zur Errichtung des Petersdoms – war Cluny die mit Abstand größte Kirche des Mittelalters. Ihrer Zeit weit voraus dauerte es lange, bis sich die Nachfolger in Größe und Stil diesem monumentalen Bau angenähert hatten. Als ich vor einem Jahr in den Ruinen von Cluny umherwanderte, kam mir der Gedanke , dass die Kirche selber viel mit dieser Ruine gemeinsam hat.

In Cluny gibt es nämlich noch einige Bereiche, in denen man vermuten könnte, die Kirche wäre noch intakt und in beeindruckender Form. Dieser Eindruck verfliegt dann aber nachhaltig, wenn man um die Ecke blickt und bemerkt, dass das eben keine geschlossene Kathedrale mehr ist, sondern eben eine Ruine ohne Dach . Auch in der Kirche gibt es genug Menschen, die immer noch denken, alles wäre mit den kirchlichen Strukturen in Ordnung oder im Grunde noch so wie vor zwanzig oder fünfzig Jahren. Doch auch die müssten eigentlich merken, dass das nur noch kleine Ecken und Biotope sind. Dass die Vergangenheit – wie auch immer man zu ihr steht - vorbei ist.

Der Ruine fehlen unzählige Steine. Diese wurden zum Aufbau neuer Häuser verwendet, die Kathedrale geradezu ausgeschlachtet. In etwa so wie in der Kirche in Ihrer heutigen Gestalt. Auch hier ist aus einem alle Lebensbereiche umspannenden Koloss einiges in andere Bereiche getragen worden und wird zunehmend von anderen übernommen.

Damit könnte man jetzt ja sagen: „Eine Ruine ist doch offensichtlich keine Kirche mehr. Da gibt es doch spirituell nichts mehr zu holen.“

Da widerspreche ich. Denn in der Ruine von Cluny habe ich Entdeckungen gemacht: Heiligenfiguren, die an ihrem neuen Platz und in der neuen Szenerie plötzlich eine ganz neue Wirkung entfalten. Kunstvolle Steinmetzarbeiten, deren Meisterschaft erst jetzt zum Tragen kommt, wo sie nur noch als Einzelobjekte wahrzunehmen sind und so weiter.

Ähnlich ist es auch mit einigen Traditionen der Kirche. Auch hier sind viele verlorene Schätze, bewegende Gebete und Gedanken zu finden, die vielleicht gerade jetzt und heute ganz neu Sinn entfalten können. Ermöglicht wird das meiner Ansicht nach dann, wenn man eben die Freiheit hat, ihnen staunend wie der Besucher in einer Ruine zu begegnen und sich von Ihnen inspirieren zulassen.

Also ist die Ruine mehr als ein toter Steinhaufen. Und: Über den zerborstenen Gewölben von Cluny ist der Himmel offen. Der Blick nach oben ist unverstellt. Für mich gilt das auch in der Kirche: zunehmend mehr (wenn auch teilweise widerwillig) bröckeln die engen Strukturen. Schon jetzt herrschen mehr Möglichkeiten als jemals zuvor, unbefangen zu stöbern und seine eigenen Entdeckungen zu machen. Und dazu gehört auch, wieder neu in den Himmel zu blicken – auf Gott.

Wenn ich die Kirche mit einer Ruine vergleiche, halte ich das also nicht für eine Bedrohung. Es ist auch keine Nostalgie. Für mich ist der Vergleich eine Bestandsaufnahme und eine Perspektive. Die Kirche wechselt ihre Gestalt – das steht außer Frage. In dem, was man als Trümmer sehen könnte, sind noch manche Schätze verborgen, die es sich lohnt zu heben und damit an einer Zukunft zu bauen.

Ihr Vikar Jörg Heinemann aus Attendorn

Copyright Vorschaubild: wikipedia Cluny heute.jpg von Marc Tobias Wenzel, etwas heller und mit weniger Himmel. Das Foto wurde durch Matthias Mahr, Fribourg erstellt

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