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Choralandacht | 20.11.2021 | 07:50 Uhr

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Wenn der Herr einst die Gefangnen eg 298

Musik 1: Titel: Wenn der Herr einst die Gefangnen ihrer Bande ledig macht; Komposition: Loys Bourgeois; Interpret: Wouter Van Den Broek; Label: Brilliant Classics (Edel); LC: 09421

 

Autor (overvoiced): Heute, am Vorabend des Ewigkeitssonntags, geht’s aufs Ganze: Es geht um Erlösung. Schon der Wortstamm „lösen“ hat es in sich. Lösen können wir Fesseln und Rätsel. Ohne Fesseln sind wir frei, ohne Rätsel sind alle Fragen geklärt. Es geht noch weiter: Explosionen können wir auslösen. Einen Lottogewinn hingegen lösen wir ein. Noch komplexer ist der Begriff Lösung im Sinne von Salz- oder Zuckerlösung. Da wirkt etwas, was wir zwar schmecken, aber nicht sehen können. Auflösen. Etwas verschwindet, ist aber immer noch da. Was für eine Lösung wird es sein, die Erlösung bewirkt?

 

Sprecher: Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.

 

Autor: So hat Martin Luther den Anfang von Psalm 126 ins Deutsche übertragen. Das ist der Wochenpsalm für den morgigen Sonntag. Und im entsprechenden Psalmlied unter der Nummer 298 im Evangelischen Gesangbuch klingt das so:

 

Musik 2: Titel: Freue dich sehr, o meine Seele; Test: Christoph Demantius; Komposition: Loy Bourgeois; Interpret: Bach-Chor Siegen: Leitung: Ulrich Stötzl; Album: Jauchzt alle Lande | Mit Psalmen auf den Spuren Calvins; Label: Gerth-Medien; LC: 13743

 

Sprecher (overvoiced):

Wenn der Herr einst die Gefangnen ihrer Bande ledig macht,

o dann schwinden die vergangnen Leiden wie ein Traum der Nacht.

 

Autor: Andere Übersetzungen des hebräischen Urtextes lassen mich stutzen.

 

Sprecher: Als der Ewige zurückführte die Weggeführten Zions, waren wir gleich Träumenden.

 

Autor: So übersetzte Leopold Zunz, ein jüdischer Gelehrter aus Detmold, gestorben 1886 in der deutschen Reichshauptstadt. Der Unterschied liegt auf der Hand. Bei Martin Luther Zukunft, bei Leopold Zunz Vergangenheit. Beide Versionen sind möglich, denn die hebräische Sprache ist in ihren Zeitformen mehrdeutig. Das Hebräische ebnet den für uns fundamentalen Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Die Sehnsucht nach Erlösung und der Jubel über die Erlösung fallen in eins. Und das lehrt die Geschichte: Wo Menschen sich befreit haben oder wo sie befreit wurden, wird dies oft zum Treibsatz von Visionen. Visionen verleihen dem Leben eine Zukunftsperspektive, mobilisieren Kreativität und, wenn nötig, Widerstandsgeist. Visionen bringen Farbe ins Leben. Und noch eins stellt der Psalm klar. Wirkliche Erlösung ist nie bloß Menschenwerk. Aber wie kommt sie in unsere Welt? Martin Luther hat sich da deutlich positioniert.

 

Musik 3 Titel: Ach bleib mit deiner Gnade; Komposition: Melchior Vulpius; Text: Josua Stegmann; Interpret: Männerchor „Die Meistersinger“, Dirigent: Klaus Breuninger; Label: ?Hänssler Classic; LC: 06047

 

Sprecher (overvoiced): sola gratia, allein durch die Gnade!

 

Autor: Allein durch die Gnade? Liegestuhl raus, Füße hoch, Gott wird‘s schon richten? Richtiges Bekenntnis raushauen, und schon bin ich erlöst und ein Platz im Paradies ist reserviert? Serviert Martin Luther so eine Art Erlösungs-Automatismus? Es bleibt richtig. Die Welt erlösen können wir nicht. Das hat regelmäßig zum Gegenteil von Erlösung geführt. Das sollte Gottes Sache sein und bleiben. Aber unterhalb dieser Ebene? Gibt es da etwa keinen Handlungsbedarf? Ziehen wir unser Psalmlied zu Rate.

 

Musik 2

 

Sprecher (overvoiced):

Ernten werden wir mit Freuden,

was wir weinend ausgesät;

jenseits reift die Frucht der Leiden,

und des Sieges Palme weht.

 

Autor: Der Liedtext deutet Handlungsspielräume an. Der Psalm selbst ist da eher von prosaischer Sachlichkeit. Martin Luther formuliert kurz und knapp:

 

Sprecher: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

 

Autor: Diese lapidare Einsicht beruft sich auf den agrarischen Bereich; sie geht zurück auf Erfahrungen armer Bauernfamilien. Unterstellen wir, die Familie hat eine spärliche Hirse-Ernte eingefahren. Jetzt sind Entscheidungen fällig. Konsumiert die Familie die gesamte Hirse, genießt sie eine Zeit der Zufriedenheit. Doch die ist begrenzt. Denn sie hat dann kein Saatgut und damit keine Zukunft mehr. Reserviert die Familie die gesamte Ernte für die Aussaat, verhungert sie schon vor der Ernte. Spart sie sich das Brot vom Munde ab, hat sie Aussicht auf bessere Zeiten. Aber auch die Aussicht auf Ernte ist risikobehaftet. Ergo: Sämtliche die Zukunft betreffende Entscheidungen bergen die Möglichkeit des Scheiterns in sich, die einem die Tränen in die Augen treiben. Wer aber jedwedes Risikos vermeiden will, wird gar nichts ernten. Nur wer handelt, löst eine Option auf Zukunft; wer nicht handelt, geht leer aus, sorgt letzten Endes für seinen Untergang. Die Debatte um die Erderwärmung zeigt das deutlich. Wer beim Klimaschutz etwas riskiert, kann immer noch scheitern. Wer nichts riskiert, ist schon gescheitert.

Einer der Vorgänger Johann Sebastian Bachs im Leipziger Thomaskantorat hat aus den Tränen eine 5stimmige Chormusik gemacht.

 

Musik 4: Titel: Wenn der Herr einst die Gefangnen ihrer Bande ledig macht; Komposition: Loys Bourgeois; Text: Samuel Gottlieb Bürde; Interpret: Dresdner Kammerchor, Dirigent: Hans-Christoph Rademann; Label: Carus-Verlag (Note 1 Musikvertrieb); LC: 03989


 

Autor (overvoiced): Wenn aber die Ernte eingefahren ist, bricht Jubel aus. Der Jubel ist die Frucht der Tränen. Im Jubel ist der Mensch von Kummer und Sorgen erlöst. Und hier erweist sich die ganze Weisheit des Psalmtextes. Lasst die Finger von größenwahnsinnigen Erlösungsprojekten. Aber bewahrt eure Lebensbedingungen. Hört auf, euch göttliche Attribute anzumaßen, sorgt lieber dafür, dass ihr euch gegenseitig achtet und Frieden haltet. Schwingt euch nicht zu Herren der Welt auf und widersteht den Tyrannen. Christsein heißt, zu glauben und zu hoffen, dass der Schöpfer der Welt seine Schöpfung nicht im Stich lassen wird; überlassen wir also dem Schöpfer des Himmels und der Erden die Erlösungstat. Uns bleibt die Option, darüber zu jubeln und die Ärmel hochzukrempeln. Dadurch werden wir gleichsam zu Erlösungsassistenten.

 

Musik 5: Titel: Allein Gott in der Höh sei Ehr; Text und Komposition: Nikolaus Decius; Interpret: Windsbacher Knabenchor, Dirigent: Karl-Friedrich Neringer; Label: Rondeau Production; LC: 06690


 

Autor (overvoiced): „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ – das Jubellied ist in vielen Gemeinden fester Bestandteil der Liturgie im Gottesdienst am Sonntagmorgen. Wenn es um Erlösung geht, stellt es die Machtverhältnisse klar. Und wenn ich hier mitsinge, fühle ich mich dazu ermuntert, den Herren dieser Welt mit kreativer Skepsis zu begegnen.

 

Sprecher (overvoiced): Sprecht ihr in Wahrheit Recht, ihr Mächtigen? Richtet ihr in Gerechtigkeit die Menschenkinder? Nein, mutwillig tut ihr Unrecht im Lande, und eure Hände treiben Frevel.

 

Autor (overvoiced): So formuliert es Psalm 58. Recht und Gerechtigkeit hatten es schon immer schwer angesichts der Herren dieser Welt. Kann also sein, wir müssen dem Herrn der Schöpfung immer noch ein wenig assistieren. Und wenn der Herr die Gefangenen erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden.

 

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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