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Kirche in WDR 3 | 05.11.2021 | 07:50 Uhr

Kirche in der Pubertät

Guten Morgen.

Arme verschränkt, Kopf angriffslustig nach vorn geschoben. Und dann dieser „Ihr-habt-mir-gar-nichts-zu sagen“-Blick, mit dem seine Eltern anfunkelt. Der Vater versucht es im Guten, legt dem Sohn die Hand auf die Schulter, aber man sieht förmlich, wie sich die Nackenhaare des Jungen aufstellen. Er hat die Vorhaltungen der Alten so richtig satt.

Als ich das Bild zum ersten Mal gesehen habe, bin ich in Lachen ausgebrochen. Denn der pubertäre Zwölfjährige, der seine Eltern nach allen Regeln der Kunst nervt, ist kein anderer als der Herr und Heiland. Jesus Christus. Familienstress in der Heiligen Familie. Wer hätte sich Christus je als frechen Jugendlichen im Stimmbruch vorgestellt. Der Maler Simone Martine hat es gewagt – im Jahr 1342.

„Kind, warum hast du uns das angetan?“ Dieser biblische, aber eigentlich zeitlose Satz steht auf Latein im Bild geschrieben. Maria ruft ihn aus, als sie ihren ausgebüxten Filius nach verzweifelter Suche im Tempel findet. Da sitzt er unter den Lehrenden und hört ihnen zu.

 

Im Fernsehfilm „Die Konfirmation“ aus dem Jahr 2017 wird diese Geschichte neu erzählt. Ben ist am Sonntagmorgen nicht zu Hause. Seine Mutter und ihr Lebensgefährte, noch etwas verschlafen, fragen sich, wo er ist. Da schneit Ben lässig herein. Wo kommst du denn jetzt her? – Aus der Kirche. Ich hab‘ mich taufen lassen... Entsetzen bricht aus: Das kannst du doch nicht ernst meinen! Ist das eine Mutprobe oder sowas?... Die Fassungslosigkeit ist groß. Und die große Liberalität ist wie weggeblasen: Das darfst du gar nicht selbst entscheiden!

Wie kannst du uns das antun?, fragen die atheistischen, großstädtischen, freigeistigen Erwachsenen.

 

Die Zeit der Selbstverständlichkeiten ist endgültig vorbei, in jeder Hinsicht. Dass Kinder selbstverständlich zur Kirche gehen – vorbei schon lange. Auch vorbei, dass Eltern ihre Kinder selbstverständlich gut aufgehoben finden in der Kirche. Wie sollten sie auch nach all den Verbrechen an Kindern durch Kirchenleute. Vorbei, dass Glauben und eine Religion selbstverständlich zum Leben dazugehören. Einerseits. Andererseits ist es überhaupt nicht so, dass Glaube und Religion selbstverständlich überholt sind. Irgendwie ist die ganze Gesellschaft, was Glaube, Religion und Kirche betrifft, in der Pubertät. Es gibt viel Rebellion und leidenschaftliche Suchbewegungen, Ablehnung von vormaligen Autoritäten und zugleich Hunger nach Sinn.

 

Pubertät, dieser Zustand des Stimmbruchs und Übergangs, des Absetzens von den Alten und dem Althergebrachten, diese Zeit der Häutung, der Suche nach Orientierung und des großen emotionalen Durcheinanders ist ja keine Krankheit. Sie ist eine, zugegeben anstrengende, pickeltreibende, aber absolut notwendige Entwicklungsphase.

Es wird nie wieder wie früher. Und, nein, früher war nicht alles besser. Menschen in eine Zeit zurückholen, der sie entwachsen sind: das kann’s nicht sein.

 

Für mich ist der zwölfjährige Jesus ein gutes Bild. So wünsche ich mir auch die Kirche, eine Gemeinschaft, die lernbegierig ist, Leute, die fragen und suchen, was ihnen alte christliche Lehren und Rituale denn hier und jetzt bedeuten können. Ausgang offen.

 

Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen Pfarrerin Silke Niemeyer aus Münster.

 

Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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