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Kirche in WDR 3 | 15.02.2022 | 07:50 Uhr

Berg der Bergpredigt

Guten Morgen!

Es gibt Schulstunden, die man nie vergisst. Das erste Mal in der Ecke stehen, die
erste Ohrfeige von einem Lehrer – ja, das habe ich noch erlebt ...

Bei mir gehört eine Religionstunde dazu. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, aber der Lehrer wollte uns erklären, wie man biblische Texte verstehen soll – und wie nicht. Dazu erzählte er von einer mittelalterlichen Klostergemeinschaft, in deren Regel stand: "Eure Kleidung soll aus Wolle sein." Und erläuterte: Das hieß damals: Sie soll einfach sein, nicht aus Seide oder etwas anderem Kostbaren. Dann fuhr er fort: Und wenn diese Klostergemeinschaft sich heute weigert, Kleidung zu tragen, in der etwas anderes verarbeitet ist als Wolle – dann hat sie zwar die Regel befolgt, aber ihren eigentlichen Sinn verfehlt.

Damals habe ich vermutlich nur geahnt, was das bedeutet: Biblische Texte kann man wörtlich nehmen. Aber das ist nicht das gleiche wie: Biblische Texte ernst zu nehmen.

Bis heute muss ich immer wieder an diese Schulstunde denken. Vor allem hier in Israel, wo ich lebe. Denn wenn ich mit Gästen auf den Berg der Seligpreisungen steige, haben viele Pilgerinnen und Pilger die Vorstellung: Hier hat Jesus die Bergpredigt gehalten

Manche sind dann verwirrt, ja enttäuscht, wenn ich ihnen an diesem wunderschönen Ort erzähle, dass wir den wahren Berg der Bergpredigt nicht kennen, dass Jesus vielleicht nie eine Predigt auf einem Berg gehalten hat. Schon im Neuen Testament gibt es dazu zwei Überlieferungen: Der Evangelist Lukas spricht von einer Predigt auf dem Feld, und der Evangelist Matthäus verlegt sie auf einen Berg. Er tut das vermutlich, um Jesus als neuen Mose darzustellen. Denn beide verbindet einiges miteinander: Wie Mose hat Jesus die Ermordung anderer Kinder überlebt. Beide sind aus Ägypten gekommen. Und weil Mose dem Volk Israel auf einem Berg die Zehn Gebote übergibt, ist es naheleigend, dass auch Jesus von dem Berg aus den Menschen seine neuen Gebote gibt. Der eigentliche Berg der Bergpredigt ist damit der Berg Sinai.

Aber ist das schlimm? Die Geschichte von meinem Religionslehrer zeigt, worum es in der Bergpredigt geht. Jesus erneuert die alten Gebote, indem er ihren eigentlichen Sinn freilegt. Er möchte, dass seine Jünger die alten Gebote nicht wörtlich nehmen, sondern dass sie diese ernst nehmen. Und so formuliert er immer wieder: "Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist... Und ich sage euch..."

Wie anderen Juden seiner Zeit geht es Jesus darum, den Sinn der alten Texte in veränderter Zeit zu erkennen und danach zu leben. Er will das Gesetz, die Tora, die Weisung Gottes nicht aufheben, sondern erfüllen – mit Leben. Zum Beispiel das alte Gebot der Nächstenliebe, wie es schon im Ersten Testament steht: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Das heißt nicht nur, die zu lieben, die uns lieben. Sondern Jesus meint viel weitreichender: "Wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?" Und auch durch seine Art zu leben, zeigt er, wie das geht, den Nächsten zu lieben: Essen mit Sündern, Armen, Zugehen auf Ausgestoßene.

Am Anfang der Predigt Jesu heißt es "Selig, die rein sind im Herzen, denn sie werden Gott schauen." Offenbar sind genau sie es, die verstehen: Die nicht rechnen oder ihr Tun zur Schau stellen. Die nicht richten über andere. Deren Vertrauen beim Beten größer ist als jede Skepsis. Sie haben verstanden, auch wenn sie nie Religionsunterricht gehabt haben.

Aus dem Land der Bergpredigt grüßt Sie Georg Röwekamp.

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