Aktuelles

Beiträge auf: wdr3 

katholisch

Kirche in WDR 3 | 15.03.2022 | 07:50 Uhr

Was bleibt?

In den Lautsprechern dröhnt Schwanensee von Tschaikowski. Mitten im Licht steigt der Schwan in die Luft. Das Federkleid drückt sich an den Körper des Tänzers, um dann fast abgestoßen zu werden.


Vielleicht kennen Sie diese Szene aus „Billy Elliot“. Der Film ist jetzt schon 22 Jahre alt. Da geht es ja um diesen Jungen aus England, der durch Zufall erkennt: Ich will nicht boxen – ich will Tanzen. Und der Junge kämpft für seine Leidenschaft. Achtmal habe ich „Billy Elliot“ gesehen. Und beim letzten Mal hat mich nicht die Schwanensee-Szene angesprungen, sondern eine ganz andere. Und dabei geht es um seine Mutter – näher noch: um seinen Vater.


Die Arbeit der Malocher prägt die Kindheit. Billy wächst in einer Arbeitersiedlung auf – Kohleindustrie in Nordengland. Einfache Verhältnisse. Die Mutter tot. Es wird wenig miteinander gesprochen – trotzdem schwingen Gefühle mit in jeder Geste, jedem Gesichtsausdruck, jedem Blick.

Das Ganze ist auf seine Art bedrückend. Wie in einer emotionalen Gummizille. Und als Zuschauer möchte ich am liebsten den kleinen Billy nehmen und da rausreißen. Aber wie? Und genau hier spielt die Szene, die sich mir erst beim achten Sehen eingebrannt hat:

Der Vater will seinem Sohn ein Vortanzen in London ermöglichen, hat aber kein Geld. Die Kamera fokussiert ein Foto: Der Vater zusammen mit der Toten Mutter. Dann seine Hand. Sie öffnet das Schmuckkästchen der toten Mutter. Die Hand nimmt einen Ring, eine Kette und eine Uhr. Sie presst den Goldschmuck an sich. In der nächsten Szene läuft der Vater zum Pfandhaus.

Mein Mund ist trocken, als ich die Szene sehe – und meine Hände nass. Ich bin völlig in mich gekehrt und denke nach.

Im Kopf lediglich eine kurze Frage: Was bleibt?

Und ich muss an meine Mutter denken. Nach dem Tod meines Vaters vor 7 Jahren hat sie zuhause radikal ausgemistet. Ich kann mich nicht mehr an jede Kameraeinstellung von damals erinnern. Meine Frage damals: Warum machst du das?

Und da bin ich wieder bei der Hand im Schmuckkasten, sie wissen schon, die Szene aus Billy Elliot. Und ich erinnere mich wie auch ich damals gerungen habe – wie Billys Vater. Ich muss doch irgendwas retten von meinem Vater … Es muss doch irgendetwas übrigbleiben.

Heute verstehe ich, dass meine Mutter Abstand zur Situation brauchte, um Abschied zu nehmen.

Wie auch immer … Was bleibt, wenn alles doch vergänglich ist?

Was bleibt, wenn das Haus des geliebten Menschen nicht mehr steht? Wenn seine oder ihre Sachen nicht mehr da sind? Die Couch, der Schmuck, das Handy, das Bild, die Krawatte. Was bleibt, wenn das Letzte, das ich noch greifen kann, vielleicht sogar versetzt werden muss? Wie im Film.

Christen glauben an die Auferstehung der Toten – an die Idee, dass im Tod nicht das letzte Wort gesprochen ist, dass man sich einmal wiedersehen wird. Diese Vorstellung tröstet viele Menschen. Mich auch.

Aber das soll jetzt die Lösung sein?

Nochmal: Was bleibt?

Die Lücke bleibt. Das Vermissen bleibt. Die Erinnerungen bleiben. Das Lächeln, die blöden Witze. Die Liebe – bleibt. Wie schrecklich, wäre es anders.

Du fehlst.

Das bleibt.

Was denken Sie was bleibt?

Ich grüße Sie aus Duisburg. Ihr Stephan Orth.

evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen