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Kirche in WDR 3 | 13.04.2022 | 07:50 Uhr

Ein Mensch

Ein Mensch. Nichts anderes schaut mich da Abend für Abend, Tag für Tag an, wenn ich in den Fernseher, ins Netz, in die Zeitung schaue. Viele Menschen eigentlich, oft immer wieder dieselben Menschen. Momentan sind und waren es vor allem Wladimir Putin, Wolodymyr Selenskyj, Joe Biden. Vor gar nicht allzu langer Zeit waren es Donald Trump, Boris Johnson und natürlich viele andere, Dauergäste der letzten Jahre und Jahrzehnte sind Franziskus, Queen Elizabeth, oder auch jemand wie Harry Potter. Immer wieder scheint ein Gesicht auf. Ein Mensch. Ich sehe natürlich nicht nur deren Gesichtsbild, ich habe mir auch selbst ein eigenes Bild von all diesen Personen gemacht. Und es fällt mir nicht leicht, dieses Bild einmal zu ändern, wenn sich das in mir verfestigt hat. Da muss man dieses Bild schon noch einmal ganz in Ruhe und mit einem ganz neuen Blick anschauen.

„Ecce homo!“ – „Schaut! Ein Mensch!“ Vielleicht war das auch die Idee hinter diesem berühmten Satz von Pontius Pilatus, als er Jesus noch einmal aus seinem Amtsgebäude herausführen ließ vor das ganze Volk. So viel war über diesen Mann aus Nazareth gesagt worden, geurteilt worden. Längst steht für die meisten fest, dass er weg muss. Der römische Statthalter Pilatus aber hält ihn für unschuldig. Deswegen noch einmal der Versuch: „Schaut! Ein Mensch!“ Ein rätselhaft einfacher Satz. Ich sehe darin den Versuch einer Aufforderung: Bitte, bitte – seht noch einmal einen Menschen in ihm, einen Verletzten, einen Gescheiterten, einen Traurigen, einer, wie ihr – nicht ein Ärgernis, nicht einen Gegner, nicht ein störendes Element.

Im Mittelalter hat man begonnen, solche Ecce-Homo-Bilder zu malen. Erst die ganze Szene, wo Jesus von Pilatus vor das Volk geführt wird, dann immer fokussierter, bis man nur noch das Gesicht Jesu fixiert hat, nur noch diesen einen Menschen, der einen direkt anschaut, verachtet und verurteilt. Es waren Bilder, von denen man sich dann wirklich auch selbst anschauen lassen sollte. Also: Einerseits sollte man sich dabei in das Angesicht Jesu versenken, um ihn und sein Leben immer besser verstehen zu können. Andererseits konnte man sich von diesem gemalten Jesus selbst anschauen lassen, mit ihm praktisch in ein stilles Gespräch eintreten. Manchmal war das sogar von einem allzu moralischen Satz untermalt wie: „Ich habe dies für dich gelitten; du aber, was hast du für mich getan?“ Eigentlich aber konnte es nur darum gehen, Blicke auszutauschen, sich ansehen zu lassen, den eigenen Blick auf dem leidenden Jesus ruhen zu lassen.

Diesen leidenden Jesus haben in den letzten 1000 Jahren immer wieder Künstler*innen gemalt, mal blutig, mal still, mal abstrakt. Und immer wieder haben ihn Menschen angeschaut und versucht dahinter zu kommen, was für ein Mensch er denn nun bloß war. Und andersherum: Was für ein Mensch man selbst denn sein könnte, wenn man sich nach diesem Menschen richten würde?

Bei allem Bemühen und allem Interpretieren wird dieser Jesus doch immer ein Geheimnis bleiben, unendlich erforscht und doch immer auch unergründlich. -- Irgendwie wie jeder Mensch.

Seht ein Mensch! Und wer ist dieser Mensch? Tatsächlich hat doch jeder Mensch sein Geheimnis, seine Unergründlichkeiten. Wenn über 1000 Jahre Menschen sich Zeit genommen haben, das Ecce-Homo-Bild Jesu zu studieren. Vielleicht sollte ich mir dann auch die Zeit nehmen, die Menschen um mich herum genauer anzusehen. Und auch die, deren Porträts Tag für Tag über Fernsehen, Zeitung, Internet zu mir kommen. Damit ich das wahrnehme, was vielleicht nicht sofort ins Auge springt. Dass da eben nicht nur das dumme Popsternchen, der kriegstreibende Autokrat, der selbstherrliche Fußballer, die glamouröse Schauspielerin zu sehen sind. Und auch um mich herum: nicht nur der gelangweilte Kassierer im Supermarkt, die nervende Kollegin, der durchtätowierte Pitbull-Besitzer, der freche Schüler, die leicht arrogante Bankangestellte. Sondern: Siehe! – ein Mensch.

Es grüßt Sie Christoph Buysch aus Krefeld.

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