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Kirche in WDR 3 | 26.04.2022 | 07:50 Uhr

Tschernobyl

Er ist auf den Tag genau 36 Jahre her: der Super-Gau von Tschernobyl. Ich war damals gerade ins Kloster eingetreten und verlebte mein Noviziat im Kloster Schlägl in Oberösterreich, unweit der tschechischen Grenze. Es verging kein Tag, an dem nicht von der Nuklearkatastrophe berichtet wurde: In Block 4 des Kernkraftwerkes war es zu einer Explosion und Kernschmelze gekommen. Die nukleare Verstrahlung hatte nicht nur die unmittelbare Umgebung verseucht, sondern durch Fallouts, also durch radioaktive Niederschläge auch Regionen erfasst, die weit entfernt lagen. Messungen ergaben einen deutlich erhöhten Strahlenwert in Russland, Weißrussland, Finnland, Schweden und auch in Österreich, wo ich zu der Zeit lebte. Damals war eine konkrete Reaktion der österreichischen Regierung: Grüngemüse wie Salat und Spinat aus dem landeseigenen Anbau oder auch Pilze durften nicht verzehrt werden. Grünfutter durfte nicht an Milchkühe verfüttert werden. Es gab ein Verbot des Verzehrs von Schafs- und Ziegenmilch, und auch Wild durfte nicht mehr geschossen und gegessen werden. Das waren die unmittelbaren Folgen eines Unfalls. Zum Glück wurden die Verbote bald wieder aufgehoben, aber bis heute kann man noch eine erhöhte Strahlenbelastung in Bodenproben feststellen, auch wenn gesundheitliche Folgen bei Menschen statistisch wohl nicht nachweisbar sind.

Tschernobyl fiel mir vor kurzer Zeit wieder bewusst in den Blick durch den Ukrainekrieg. Mehrere Wochen war das Atomkraftwerk von russischen Soldaten besetzt, und es gab international große Sorgen, ob das Kernkraftwerk mit dem seit Jahren versiegelten Unfallreaktor überhaupt noch kontrollierbar sei. Es hieß sogar, dass sich einige der Soldaten in der direkten Umgebung des Kernkraftwerkes kontaminiert hätten durch den aufgewirbelten Boden, der immer noch stark nuklear belastet ist. Offensichtlich wussten die Soldaten gar nicht, welchem Risiko sie ausgesetzt waren. Und was noch viel bedrohlicher war und ist: Was könnte alles passieren, wenn ein Atomkraftwerk Ziel eines bewaffneten Angriffs wird? Das wäre dann kein Unfall, sondern eine gezielte Attacke. Es wäre eine Katastrophe, ein von Menschen bewusst herbeigeführter Super-Gau, eine erneute Verstrahlung mit Auswirkungen, die weit über den engen Umkreis des Atomkraftwerkes hinausgingen. Selbst der Verursacher könnte sich dann nicht mehr in Sicherheit wiegen, denn nukleare Fallouts lassen sich nicht lenken. Sie passieren dort, wohin sie der Wind treibt. Und der macht nicht halt vor Grenzen. Schon allein in dieser Hinsicht ist der Krieg in der Ukraine ein Spiel mit dem Feuer, wenn es um den Angriff oder die Besetzung von Atomkraftwerken geht.

Mir ist klar: Am frühen Morgen klingt das alles sehr düster und pessimistisch. Aber ich frage mich am heutigen Gedenktag der Katastrophe von Tschernobyl: Was muss erst passieren, damit dem Krieg in der Ukraine Einhalt geboten wird? Muss das Spiel mit dem Feuer erst zum Super-Gau führen, wenn Atomkraftwerke in Mitleidenschaft gezogen oder angegriffen werden?

Krieg ist kein geeignetes Mittel, um Konflikte zu lösen – und schon gar nicht, wenn dabei mit nuklearen Kräften gespielt wird? Es ist schlimm genug, dass tausende Menschen auf dem Gebiet der Ukraine bereits umgekommen sind, Ukrainer wie Russen. Jedes weitere Menschenleben ist eines zu viel. Und es ist schlimm genug, dass mehrere Millionen Menschen auf der Flucht sind. Offenbar ist die Einsicht in friedliche, diplomatische und in ehrliche Lösungen immer noch ein frommer Wunsch. Aber ich will diesen frommen Wunsch nicht aufgeben – denn was wäre die Alternative?

Pater Philipp Reichling aus Duisburg

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