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Kirche in WDR 3 | 30.04.2022 | 07:50 Uhr

Skulpturentag

Was wäre die Welt ohne Skulpturen? Als Kunsthistoriker muss ich natürlich so fragen. Aber es ist doch so: In jeder Stadt kann man welche finden, ob Standbilder großer Persönlichkeiten, Mahnmale und Gedenksteine von bedeutenden historischen Ereignissen oder Objekte, die für eine Idee stehen oder einfach nur zum Anschauen da sind. Immerhin gibt es viele Skulpturenmuseen und -parks allein in Deutschland. Hier in meiner Heimatstadt Duisburg zum Beispiel gibt es das Lehmbruckmuseum mit einem angeschlossenen Skulpturenpark. Dieses Zentrum internationaler Skulptur verdankt seinen Namen dem großen Bildhauer Wilhelm Lehmbruck, der aus Duisburg stammte.

Heute am letzten Samstag im April ist der „Internationale Tag der Skulptur“. Und der lädt dazu ein, sich Skulpturen in seiner Umgebung bewusster anzuschauen: Vielleicht ins Museum zu gehen oder einem Künstler im Atelier einmal über die Schulter zu schauen, wie er arbeitet.

Mir fällt am heutigen Tag dazu noch ein anderer Bildhauer ein, der zwar schon sehr lange tot ist, aber einer der bedeutendsten Künstler der Renaissance war: Michelangelo Buonarotti (1475-1564). Weltberühmt sind seine Pietà im Petersdom, also jene steinerne Skulptur, die den toten Jesus in den Armen seiner Mutter zeigt, oder auch seine über fünf Meter große Marmorskulptur des David in Florenz. Von Michelangelo sagt man, er selbst sei in die Steinbrüche gegangen, um dort nach geeigneten Felsblöcken für seine Skulpturen zu suchen. Ja mehr noch. Es heißt, er sähe schon die Skulptur im Felsen und müsse sie nur noch vom Stein befreien.

Diese Vorstellung passt, denn der Begriff Skulptur geht auf das lateinische Wort „sculpere“ zurück und bedeutet „schnitzen“, „meißeln“. Und deswegen ist der Künstler von Skulpturen eigentlich ein „Bildhauer“. Ganz anschaulich wird dieses Heraushauen aus dem Felsen in einer Reihe von Werken Michelangelos: den sogenannten „Gefangenen“. Nur ein Teil der menschlichen Körper ist freigehauen. Der Rest steckt quasi noch im Felsblock, wie gefangen. In einer Deutung dazu heißt es, die Gefangenen Michelangelos stehen für ein zeitloses Streben, nämlich den Kampf gegen die Grenzen, die den Menschen bedrücken.[1]

Übrigens gibt es in der bildenden Kunst auch genau den umgekehrten Weg, eine Figur zu gestalten: nicht aus dem Felsen heraushauen und befreien, sondern Material hinzufügen und modellieren. Ich denke da zum Beispiel an Terrakottafiguren oder auch an gegossene Metallobjekte. Die Kunsthistoriker sprechen dann nicht mehr von einer Skulptur, sondern von einer Plastik.

Das Geniale an beiden Methoden ist: Am Ende kommt eine Figur zu Tage, die offensichtlich der Idee und der Vorstellung des Künstlers entspricht, der sie macht, egal ob etwas weggenommen oder hinzugefügt wurde. Im Material ist alles schon da, es muss nur freigelegt oder ergänzt und modelliert werden. Kein Wunder, dass in der Renaissance Künstler mit einem Schöpfergott verglichen wurden. Das knüpft an die christlich-jüdische Tradition an, die Gott als Schöpfer beschreibt, der den Menschen aus Lehm geformt habe (vgl. Gen 2,7). So gesehen hatte Gott sicherlich auch schon vorab eine ideale Idee vom Menschen.

Wenn nun Gott eine Idee vom Menschen hat, wie kommt es dann aber dazu, dass das menschliche Leben unvollkommen und beschränkt ist, letztlich unideal? Denn was hält mich nicht alles gefangen und was fehlt mir nicht noch zum Glück? Im Sinne der Erschaffung einer Skulptur oder einer Plastik, frage ich mich: Müsste ich nicht zum Lebenskünstler werden, der weghaut, was mich gefangen hält, und der dazu nimmt, um selbst ganz Mensch zu werden? Aber geht das so einfach? Braucht es nicht wieder die Hilfe dieses Schöpfergottes?

So verstehe ich jedenfalls ein Gebet, dass vom Heiligen Niklaus von Flüe (1417-1487) stammt, der es jeden Tag gebetet haben soll, und das gut zum menschlichen Leben als einer Skulptur oder einer Plastik passt:

„Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir.

Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.“

Aus Duisburg verabschiedet sich Pater Philipp Reichling



[1] Vgl.: https://mywowo.net/de/italien/florenz/akademie/gefangene#

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