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Kirche in WDR 3 | 27.01.2023 | 07:50 Uhr

Neurodiversität

Guten Morgen!


Ich habe ein neues Wort gelernt: Neurodiversität. Ja, genau, das hat etwas mit dem Gehirn, unseren Neuronen, und der Diversität, der Verschiedenheit, zu tun. Eigentlich sagt es nichts anderes aus als die simple Wahrheit: Wir sind verschieden. Und wir haben im Gehirn unterschiedliche Muster. Wenn mein Mann mich mal nicht versteht, sage ich gerne: „Du bist da oben anders verdrahtet als ich.“


Manche Gehirnmuster schleifen sich durch langjährige Erfahrungen ein, andere Muster entstehen durch traumatische Ereignisse. Ein guter Teil der Muster im Gehirn aber ist angeboren, genetisch verursacht oder in der Entwicklung des Embryos im Mutterleib entstanden. Wir kommen ja nicht als leere Hülle zur Welt; jedes Neugeborene hat schon etwas ganz Eigenes.


Das ist so lange kein Problem, wie die unterschiedliche „Verdrahtung“ nicht zu großen Rätseln und Konflikten führt. Neulich hat mir jemand von „Asperger“ erzählt, einer milden Form auf dem breiten Spektrum des Autismus‘. Das „Asperger-Syndrom“ ist angeboren. Eine Eigenart der Menschen mit „Asperger“ ist es, dass sie Informationen anders verarbeiten: Während die meisten ganz schnell und intuitiv erfühlen, ob jemand traurig ist, dauert das bei Menschen mit „Asperger“ länger. Sie erkennen das erst über den Verstand. Sie müssen erst drüber nachdenken, was wohl los ist. Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass das zu Irritation und zu Verletzungen führen kann - auf beiden Seiten.

Aber was kann jemand dazu, wenn er im Kopf „anders verdrahtet“ ist als ich? Und warum werden die, die in der Mehrheit sind – also Menschen ohne Asperger - als „Normalos“ oder – wie es im Fachdeutsch heißt –
„Neurotypische“ bezeichnet. Wer oder was ist eigentlich „Neurotypisch“. Ist typisch nur die Mehrheit? Dann könnte sich das Blatt ja auch wenden, wenn die jetzt „Untypischen“ plötzlich in der Mehrheit sind.


Da kommt mein neues Wort „Neurodiversität“ ins Spiel. Es klingt so nüchtern wie seine Botschaft: Die verschiedenen Muster im Gehirn werden als natürliche Unterschiede angesehen. Neurologische Minderheiten werden nicht als krank oder untypisch abgestempelt, sondern als Teil einer breiten, bunten Normalität. Das Zeichen der Neurodiversitäts-Bewegung ist deswegen eine liegende Acht, in Regenbogen-Farben getaucht. Klar, das löst nicht alle Probleme. Vor allem nicht, wenn die große Verschiedenheit zu Stress in Beziehungen führt und alle drunter leiden. Aber es hat etwas Befreiendes, wenn wir uns nicht mehr in „richtig“ und „falsch“ unterteilen müssen.



Im Psalm 139 in der Bibel heißt es: „Ich danke dir, mein Gott, dass ich wunderbar gemacht bin.“ (Psalm 139,14) Und das gilt ausnahmslos für alle. Gott hat keinen Fehler gemacht, als er mich anders schuf als Dich.

Heute ist Holocaust-Gedenktag. Die Nazis waren erbarmungslos mit denen, die ihnen anders erschienen. Auch autistische Menschen sind ihnen zum Opfer gefallen; die Nazis haben grausame medizinische Experimente an ihnen durchgeführt. Hans Asperger, der Arzt, der der milden Form des Autismus den Namen gab, war an ihnen beteiligt. Das kann ich kaum fassen.

Und auch heute noch haben wir einen weiten Weg vor uns, bis wir uns respektieren so wie wir sind. Es lebe der Unterschied.


Ihre Pfarrerin Christel Weber aus Bielefeld.



Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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