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Kirche in WDR 3 | 31.01.2023 | 07:50 Uhr

Die Leere bewohnen

Guten Morgen!

Neulich fuhr ich mit dem Fahrrad von Gladbeck nach Oberhausen-Sterkrade durch den Kölnischen Wald. Ich bin da nämlich auch als Pfarrer zuständig. Kölnisch heißt der Wald deshalb, weil dieses ungefähr 200 Hektar große Waldgebiet früher dem Erzbischof von Köln gehörte und er damit hier ein Jagdrecht hatte. Hier im Wald sah ich einen mächtigen Baum, der der Motorsäge zum Opfer gefallen war. Ich bin vom Fahrrad abgestiegen und habe mir den gefällten Stamm näher betrachtet: außen vital und stark, aber innen hohl! Der Baum war eigentlich innen längst abgestorben. Was für ein Bild von einer trügerischen Wirklichkeit! – Dieses Bild ist mir nachgegangen, weil der hohle Baum ja eine innere Leere offenbart, die mich im übertragenen Sinne einige Zeit später gepackt hat. Und das war so: Ich war positiv auf Corona getestet mit der Folge, fünf Tage in Quarantäne zu gehen, quasi eine plötzlich verordnete Leere. So aber hatte ich die Zeit, in mir einmal nachzuspüren und zu lesen. Dabei fiel mir eine Novelle von dem 1958 verstorbenen christlichen Schriftsteller und Widerständler Reinhold Schneider in die Hände. Sie trägt den Titel: Die Schächer ohne den Herrn[1], in der es auch um die Leere geht.

Die Schächer sind die beiden Räuber, die links und rechts neben Jesus gekreuzigt wurden. Reinhold Schneider erzählt, wie 1566 bei einem Aufruhr von Bilderstürmern in Flandern Heiligtümer geschändet wurden. Die Bilderstürmer machten ihrem Namen alle Ehre: Sie vergriffen sich an einer lebensgroßen Kreuzigungsgruppe in einer Kirche. Dabei ließen sie die Kreuze der beiden Schächer stehen, stürzten aber das Kreuz Jesu in der Mitte um. Sie zerschlugen es und verschonten allerdings die Kreuze der Schächer. Die Schächer also ohne Jesus, so dass eine furchtbare Lücke klaffte zwischen den beiden Kreuzen. Reinhold Schneider malt die Szene weiter aus und setzt sie in Bezug zur Hinrichtung Jesu, wie sie im Neuen Testament beschrieben wird: Nun war auch der reumütige Schächer verloren, dem Jesus das Paradies versprochen hatte. Denn an wen sollte er sich noch wenden? Der Mittler aus dem ganzen Elend heraus war verschwunden. Von dem anderen Schächer ganz zu schweigen. Die Kreuze der beiden standen verloren da. Die Mitte zwischen ihnen war leer. Ohne Mitte verliert sich alles ins Nichts. Keine Hoffnung. Nur Leere. So Reinhold Schneiders Fazit.

Mich hat das Fazit von Reinhold Schneider bewegt und weiter denken lassen: Der christliche Glaube ohne Christus in der Mitte ist leer. Er wird zur hohlen Fassade. Daher gehört Christus in die Mitte. Von ihm aus bekommt alles seinen Sinn. Aber das würde ich nicht nur vom christlichen Glauben, gar von der Kirche sagen. Ähnlich ist es doch auch, wenn im alltäglichen Leben einzelner Menschen, das manchmal so leer geworden scheint, die Mitte fehlt. Alles hohl. Und ebenso ähnlich, wenn ein Staat, eine Gesellschaft keine gemeinsame Mitte mehr hat, auf die sich die Menschen verständigen und vergewissern können. Gerade jetzt in diesen wirklich für viele existentiellen Krisenzeiten und Zeitenwenden ist es enorm wichtig, die Leere wahrzunehmen, um sie zu bewohnen, ja wieder zu füllen.

Ich wünsche ihnen die Kraft, Leeren zu erkennen und sie dann aber auch wieder nach Möglichkeit zu füllen.


Ihr André Müller aus Gladbeck


[1] Vgl. in ders.: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Im Auftrag der Reinhold-Schneider-Gesellschaft hrsg. v. Edwin Maria Landau. Frankfurt a. M. 1977–1981.

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