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Kirche in WDR 3 | 11.09.2023 | 07:50 Uhr

Gott ist schön

Noch immer zucke ich am 11. September leicht zusammen. Was damals in New York passiert war, das hat auch meine Biografie beeinflusst. Ich war 2001 noch relativ frisch im Theologiestudium. Als die ersten Nachrichten von den Flugzeugen im World-Trade-Center kamen, da haben wir mit mehreren aus meinem Semester in einer WG stundenlang vorm Fernseher verbracht. Fassungslos. Die Anschläge von islamistischen Terroristen hatten nicht nur die Sicherheitsexperten weltweit durchgerüttelt und die ganze Weltpolitik, sondern auch die Theologenzunft: Wie das alles einordnen? Was hat Gott damit zu tun, was die Religion? Und vor allem die Frage: Zeigt der Islam hier sein „wahres“ Gesicht?

Ein Buch war mir damals total wichtig. Und davon möchte ich Ihnen heute erzählen. Und es war nicht der „Clash of Civilaziations“ von Samuel Huntington. Zu dem Buch hatten sie ja fast alle gegriffen, damals: Die Medienleute, die Politiker, und oft auch die Geisteswissenschaftlerinnen. Damals herrschte großes mentales Aufrüsten.

Ich wollte da nicht mitmachen. In meinem Zivildienst hatte ich vor meinem Studium anderthalb Jahre in Israel gelebt. Ich hatte da erlebt, dass es nicht hilft, wenn man seinen Standpunkt verteidigt – mit aller Gewalt. Vielmehr hilft Verstehen. Und so wollte ich den Islam besser verstehen. Das Buch, das mir dabei enorm geholfen hat, das klingt allein schon vom Titel so ganz anders, als diese mentalen Aufrüstungsbücher: „Gott ist schön“[1], heißt das Buch und war die Doktorarbeit eines aufstrebenden Orientalisten, der in Siegen aufwuchs, in Köln promivierte und dessen Eltern aus dem Iran stammen. Navid Kermani zählt heute zu den einflussreichsten Geistesgelehrten hierzulande. Sein Aufstieg begann 1999 mit „Gott ist schön“ – aus gutem Grund. Die Unterzeile des Buches macht klar, worum es geht. Die heißt: „Das ästhetische Erleben des Koran.“ Also kein Buch über Kopftuchverbote, über Salafisten und so weiter. Kermani schaut darauf, was vielleicht der größter Attraktor einer Religion ist: Ihre Schönheit.

Menschen lassen sich meist nicht von Religionen überzeugen, weil diese die richtigen Wahrheiten verkünden, sondern weil Menschen angezogen sind von den Momenten der Schönheit, die aufscheinen im Vollzug dieser oder jener Religion. Das Wahre ist nicht mit den Sinnen fassbar, das Schöne aber schon.

Und weil gerade seit dem 11. September vor allem über die Hässlichkeiten des Islam gesprochen wurde, war mir dieses Buch ein Augenöffner und ein Korrektiv. Denn so lernte ich verstehen, was Menschen bewegt hat, sich dem Koran zu verschreiben. Und das war gerade in der Gründungszeit dieser neuen Weltreligion, so belegt das Kermani, die Poesie der Texte – und vielmehr noch ihre Rezitation. Koran heißt übrigens genau das übersetzt: „Rezitiere!“ Das zu lesen wirbelte mein inneres Kopfkino durcheinander, in dem ich hatte bis dahin Mohammed und die ersten Kalifen eher gelabelt als religiöse Eiferer. Dass sie einen Sinn für die Schönheit von Sprache hatten, das machte sie mir zugänglicher. Dass die ersten und einflussreichsten Muslime allesamt nicht durch das Schwert, sondern durch das Hören der Koranverse zum Islam übertraten, das hat mich sogar berührt.

Denn auch in meinem Glauben spielt die Ästhetik eine große Rolle. Gott ist schön – das kann ich als Christ doch erst einmal unterschreiben. Und weil sich über Geschmack ja streiten lässt, finde ich es nur berechtigt, dass es unterschiedlich schöne Wege gibt, um als Christ Gott zu ehren: Sei es in einem Gospelchor oder in einem Bauwerk wie dem Kölner Dom, oder der Aachener Pfalzkapelle. Schönheit ist so eine wichtige Ressource von Religion. Hilde Domin, die berühmte jüdische Dichterin aus Köln, hat es mal auf den Punkt gebracht: „Denn wir essen Brot, aber wir leben von Glanz[2]

Bei aller Hässlichkeit, die Religionen mitunter offenbaren – und als Katholik fällt mir dazu gleich das Leid des Missbrauchsbetroffenen ein: Wer keinen Zugang zu den schönen Seiten einer Religion findet, findet keinen Zugang zu den Menschen, die sich speisen aus dieser Religion.

Kommen Sie gut in diese Woche, Ihr Klaus Nelißen aus Köln.



[1] https://www.navidkermani.de/gott-ist-schoen/

[2] https://www.heiligenlexikon.de/Literatur/Hilde_Domin_Die_Heiligen.html

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