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Choralandacht | 02.12.2023 | 07:50 Uhr

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„Nun jauchzet, all ihr Frommen“ (eg 9)

Autor: Und morgen ist wieder 1. Advent! Alle Weihnachtsmärkte sind schon in Betrieb, süße, wohlbekannte Düfte streifen durchs Land. Düfte und Liederklang von heiler Welt für ein paar Wochen, wohlvertraut... Im evangelischen Gesangbuch gibt es einen alten Adventschoral, der eher unbekannt ist. In ihm wird gerade das Dunkle und Kaputte dieser Welt in Verse gepackt. Und doch fängt er mit den Worten an: „Nun jauchzet!“ Das Fröhliche in diesem Lied hat etwas Trotziges - und wahrscheinlich mag ich es gerade deswegen...


Musik 1: Choral, Strophe 1

Titel: Nun jauchzet, all ihr Frommen; Komponist: Johann Crüger; Bearbeitung: Bartholomäus Gesius; Text: Michael Schirmer; Ensemble: Ars Nova; Leitung: Magda Zalles; Album: Navidad, Villancicos renacentistas de Europa y América; Label: Quindecim Recordings

LC: unbekannt; ASIN: B002VCA28A


Sprecherin (overvoice): Nun jauchzet, all ihr Frommen, in dieser Gnadenzeit, weil unser Heil ist kommen, der Herr der Herrlichkeit, zwar ohne stolze Pracht, doch mächtig zu verheeren und gänzlich zu zerstören des Teufels Reich und Macht.


Autor: Kein Gesäusel. Freude über den, der Weihnachten ganz und gar machtlos in die Welt kommt, um die Macht der Finsternis zu brechen: dieser spannungsvolle Klang durchzieht das ganze Lied - und er ist Ton für Ton aus der großen Verheißung zusammengesetzt, die im Buch Sacharja (Kapitel 9) steht:


Sprecherin: Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze!

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm ist er und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Streitwagen vernichten in Ephraim und die Schlachtrosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden.


Autor: Immer am 1. Advent sind diese Verse die alttestamentliche Lesung in den evangelischen Gottesdiensten - verbunden natürlich mit der Geschichte, in der Jesus auf einem kleinen Esel an Palmsonntag in Jerusalem einreitet. Das war auch schon 1640 so, als der Berliner Schulmeister Michael Schirmer dieses sein Lied zum ersten Mal drucken ließ. Des Teufels Macht war für ihn tatsächlich unmittelbar mit Kriegsgerät verbunden: schon 22 Jahre tobte da der 30jährige Krieg, besonders schlimm gerade um Berlin, mit all den Zerstörungen, Plünderungen und Epidemien. Was für ein verwegener, ja verrückter Trotz, in dieser Situation zum Jauchzen aufzufordern!


Musik 2: Choral, Strophe 2
Titel: Nun jauchzet, all ihr Frommen; Komponist: Johann Crüger; Bearbeitung: Bartholomäus Gesius; Text: Michael Schirmer; Chor: Knabenchor Collegium Iuvenum Stuttgart; Leitung: Friedemann Keck; Album: Freut euch und jubiliert - Chormusik zu Advent und Weihnachten

Label: Carus-Verlag; LC: 03989


Sprecherin: Er kommt zu uns geritten auf einem Eselein und stellt sich in die Mitten für uns zum Opfer ein. Er bringt kein zeitlich Gut, er will allein erwerben durch seinen Tod und Sterben, was ewig währen tut.


Autor: Ein Adventslied, das ganz und gar wie ein Passionslied klingt! Doch gerade so passt es zum Advent. Denn Krippe und Kreuz sind aus demselben Holz gemacht! Gott wird Mensch in Jesus, er wird es mit letzter Konsequenz. Mit der Geburt seines Kindes setzt sich der ewige Gott der Sterblichkeit aus und allen Finsternissen, die die Menschen einander bereiten können. Er nimmt sich all das zu Herzen, damit wir einen ewigen Platz an seinem Herzen haben. Das feiern wir mit Karfreitag und Ostern… und auch schon Weihnachten, weil Weihnachten eben die Geburtsstunde von Karfreitag und Ostern ist. Für Michael Schirmer, den Autor dieses Chorals, erwirbt Jesus uns durch sein Sterben ein ewiges Gut. Der Dichter will damit nicht einfach auf den Himmel vertrösten. Die menschengemachten irdischen Finsternisse dürfen nicht hingenommen werden - so setzt er sein Lied fort. Es ist eben ein trotziges Adventslied. Die Melodie, mit der wir es bisher gehört haben, ist zwar bekannt - Aus meines Herzens Grunde! -, aber sie ist mir eigentlich zu lieblich wiegend. Schön ruppig dagegen die Melodie, die eigentlich im Gesangbuch über diesen Versen steht.


Musik 3: instrumental (Orgel)

Titel: Nun jauchzet, all ihr Frommen - Gavotte; Komponist: Johann Crüger; Interpret: Ingo Bredenbach; Label: ORGANpromotion; LC: 16007


Autor: Diese kaum benutzte Melodie stammt von Johann Crüger, Kantor und am selben Gymnasium als Musiklehrer angestellt wie sein Freund Schirmer. Zeit- und Leidensgenosse. Mit dem frecheren Klang seiner Töne hören wir Schirmers kritische Verse:


Musik 4: instrumental (Orgel)

Titel: Nun jauchzet, all ihr Frommen - Gigue; Komponist: Johann Crüger; Interpret: Ingo Bredenbach; Label: ORGANpromotion; LC: 16007


Sprecherin (overvoice): Ihr Mächtigen auf Erden, nehmt diesen König an, wollt ihr beraten werden und gehn die rechte Bahn, die zu dem Himmel führt; sonst, wo ihr ihn verachtet und nur nach Hoheit trachtet, des Höchsten Zorn euch rührt.
(Strophe 4)


Autor: Im Original fängt die Strophe mit der noch frecheren Anrede „Ihr großen Potentaten“ an. Die hatten den 30jährigen Krieg zu verantworten, einen sogenannten „Glaubenskrieg“. In ihm wurde der christliche Glauben furchtbar verraten, es ging doch nur um reines Machtstreben. Eine Geschichte, die sich wiederholt und wiederholt. „Nur nach Hoheit trachten“: das tat vor genau 125 Jahren auch Kaiser Wilhelm II., als er eine Pilgereise nach Jerusalem unternahm. Wie alle Pilger seit Jahrhunderten vor ihm, so wollte er durch das Jaffator in die Stadt kommen. Freilich musste extra für ihn das Tor oben aufgebrochen und unten verbreitert werden. Denn der Kaiser ritt auf einem schwarzen Hengst ein – man kann ruhig sagen: einem Schlachtross! - und dazu ließen 21 Kanonenschüsse den Boden erbeben. So sollte, hieß es, „dem deutschen Namen Achtung verschafft werden“. 20 Jahre später ging der 1. Weltkrieg zu Ende, dessen Beginn mit dem Namen dieses Kaisers so verbunden ist.

Freilich: das Lied lädt nicht nur zum kritischen Blick auf „die da oben“ ein. Es fragt auch, wer wir selbst sind: wo sehen wir von hohem Ross auf andere herab und wo kann Jesus, dieser arme König, uns den anderen Blick schenken, seinen anderen Blick: Auf dem Eselsrücken wunderbar auf Augenhöhe bleiben mit allen Menschen drumherum, mit allen, die unten zu Fuß unterwegs sind.


Musik 2: Choral, Strophe 5


Sprecherin (overvoice): Ihr Armen und Elenden in dieser bösen Zeit, die ihr an allen Enden müsst haben Angst und Leid: Seid dennoch wohlgemut, lasst eure Lieder klingen, dem König Lob zu singen, der ist euer höchstes Gut.


Autor: Die da unten“: zu denen hat Michael Schirmer gewiss gehört, als er dies Lied dichtete. Sein schmales Lehrergehalt bekam er kriegsbedingt lange nicht ausbezahlt. Bei Bessergestellten konnte er nur versuchen, als „armer Poet“ an den Mittagstisch eingeladen zu werden. Seine Aufforderung, „dem König Lob zu singen“, kommt nicht von oben herab. Dies Loblied schallt nicht über die Finsternisse der Zeit hinweg, es klingt zielgerichtet mitten in sie hinein.

Morgen im Gottesdienst am 1. Advent: da werde ich dies Lied mit meiner Gemeinde singen. Mit der frechen Melodie, die im Gesangbuch steht. Weil sie so gut zu dem trotzigen „Dennoch“ passt, das Schirmers Verse so klar zum Ausdruck bringen. Weil man mit der Melodie im Kopf hinterher gut nach draußen gehen kann. Wer sie einmal kann, vergisst sie nicht mehr. Vielleicht pfeifen wir sie dann auch draußen vor uns hin. Wo auch immer. Auf den hellerleuchteten Wegen eines Weihnachtsmarktes oder in den dunklen Straßen dahinter.


Musik 5: instrumental (Orgel)

Titel: Nun jauchzet, all ihr Frommen - Allemande; Komponist: Johann Crüger; Interpret: Ingo Bredenbach; Label: ORGANpromotion; LC: 16007


Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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