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Kirche in WDR 3 | 06.12.2023 | 07:50 Uhr

Mein Weihnachtswunder

Heute ist Nikolaus. Und ich hab‘ keine Stiefel. Vielleicht war deshalb nichts in meinen Schuhen. Als Kind hatte ich immer Stiefel vor die Zimmer- oder Haustür gestellt. Und dann waren sie am nächsten Morgen wie durch ein Wunder voll mit Süßigkeiten, mit Nüssen oder Mandarinen. Für mich war Nikolaus der Anfang von Weihnachten. Wo der erste Advent eher wie ein Vorglühen daherkommt, knallt es an Nikolaus ganz durch: wunderbar!

Ich bin dann irgendwann aus dieser Stiefeltradition rausgewachsen. Das ist ja eigentlich schade. Und trotzdem gab es an Nikolaus immer irgendwas Besonderes. Zum Beispiel in der Schule. Da gab’s nicht selten Schoko-Nikoläuse vom Klassenlehrer.

Und auch als Student hat mich der Nikolaus nie ganz verlassen. In meinen ersten Jahren an der Uni in Münster stand pünktlich zum 6. Dezember ein kleines Geschenk vor der Wohnungstür. Es gibt nicht nur höllische, sondern auch himmlische Nachbarn …

Wie auch immer: Heute Morgen waren meine Schuhe leer. Keine Ahnung ob’s an den fehlenden Stiefeln lag. Ich habe auch noch keine Dekoration in der Wohnung. Irgendwie komm‘ ich seit Jahren schwer in Weihnachtsstimmung.

Das war auch letztes Jahr so. Ich musste Gottesdienste planen, Predigten schreiben, Aktionen vorbereiten. Und mein Religionsunterricht machte sich auch nicht von selbst. Der Kopf war mit vielem voll. Nur für vorweihnachtliche Stimmung war kein Platz.

Und in mir die Frage: Wo ist Gott in dem ganzen Trubel?

Dann ist etwas Außergewöhnliches passiert.

Ich bekomme einen Anruf. Es geht um die Weihnachtsfeier der Caritas vor Ort. Ich sollte den Gottesdienst feiern. Gesagt getan.

Irgendwann will ich meine Predigt schreiben. Aber keine Idee in Sicht. Irgendwas mit Weihnachten – klar. Und dann ist mir die Idee quasi direkt vor Füße gefallen.

Ich sitze auf der Couch und lese einen Artikel im SPIEGEL. Der Ukraine-Krieg tobt schon seit ein paar Monaten. Aber jetzt ist nicht Sommer. Es ist Winter und ziemlich kalt im Osten. Aus dieser Situation wird berichtet, mit Fotos und Texten.

Und da ist es. Ein kleines neugeborenes Kind. Eingepackt in selbst gestrickte Klamotten. Mit Mütze und Handschuhen. In der Nase die Schläuche des Beatmungsgeräts. Und im Hintergrund liegen Sandsäcke vor den Fenstern. Wegen der Kälte. Ein Leben auf der Scheide. Zwischen Leben und Tod.

Mein Thema steht fest. Der Gottesdienst kann kommen. Ich rede mich während der Predigt in Rage. Es geht um die Ungerechtigkeit und das sinnlose Sterben in der Ukraine. Und irgendwann ist die Predigt dann bei diesem Kind. Ich beschreibe das Foto. Und wie ich spreche, fange ich an zu weinen. Wegen der Tränen seh’ ich nur noch verschwommen. Ich bin geschockt. Das war mir noch nie passiert.

Und ich erinnere mich an die Frage. Die, die mich den ganzen Advent begleitet hatte: ‚Wo ist Gott in dem ganzen Trubel?‘. Dann geht mir ein Licht auf: Da, auf dem Foto. In der Ukraine. Als kleiner Säugling. Zwischen Bomben und Kälte. Nur geschützt durch Sandsäcke. Da ist Gott.

Und selbst wenn die Schuhe an Nikolaus nicht mehr gefüllt sind, und Weihnachten ein bisschen von seinem kindlichen Glanz verloren hat: Für mich war das ein richtiges Weihnachtswunder. Für Wunder ist man nie zu alt.


Ich grüße Sie aus Herten. Ihr Stephan Orth.


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