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Kirche in WDR 3 | 18.01.2024 | 07:50 Uhr

Leben annehmen trotz alledem

Guten Morgen!

Haben Sie ein Gästebuch? Wir haben eines – hier im Pilgerhaus Tabgha, am See Gennesaret in Israel. Sogar zwei ganz alte. Das erste ist von 1893 und reicht bis 1925, das zweite bis 1937. Schon damals war unser Haus ein wunderbares Quartier, wenn man hier eine Unterkunft suchte.

Die Einträge zeigen: Es war ein weltoffenes Haus. Christen, Muslime und Juden kamen. Auch viele Forscher und Künstler haben sich im Gästebuch verewigt, Maler und Schriftsteller. Leider hat der bekannteste von ihnen nicht unterschrieben, weil er nicht über Nacht blieb, sondern nur einen Nachmittag, wie Fotografien bezeugen: Karl May. Der war nach all seinen Büchern über den Orient im Jahr 1900 tatsächlich dorthin gereist. Zwar war das Land ganz anders als er es sich vorgestellt hatte. Aber die Reise, die ihn bis in den Fernen Osten führte, machte ihn zum Pazifisten. – Karl Mays zeitweise unterdrückter Roman „Und Friede auf Erden“ gibt davon Zeugnis. „Wie man den Krieg führt, das weiß jedermann; wie man den Frieden führt, das weiß kein Mensch“, schrieb er später einmal.[1]

Ehrlicherweise muss man zugeben, dass seine Haltung hier im Pilgerhaus nicht sehr geschätzt wurde: Als nämlich nach dem Ersten Weltkrieg ein deutscher Adliger mit ähnlichen Ansichten zu Gast war, mochten ihm die Patres, die das Haus damals leiteten, so gar nicht beipflichten.

Etwa zur gleichen Zeit war übrigens auch ein anderer Schriftsteller zu Gast: Franz Werfel, aus Wien. Auf seiner Reise wurde er durch die Begegnung mit armenischen Waisenkindern inspiriert und schrieb den Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, der 1933 erschien.

Schon zuvor, ebenfalls kurz nach dem Ersten Weltkrieg, hatte Werfel das Theaterstück „Die Troerinnen“ des griechischen Dramatikers Euripides ins Deutsche übersetzt und bearbeitet. 1920 in Wien uraufgeführt, zeigt das Drama den Krieg und sein Grauen – und zwar aus der Sicht der Feinde! In einer Würdigung der Uraufführung wird hervorgehoben, wie Franz Werfel fühlt mit Hekuba, der Frau des Königs von Troja, deren Heimatstadt gerade zerstört wurde. Es ist – Zitat –, als ob „alles Unglück, das Götter und Erdenkinder bereiten können, mit schrecklicher Gewalt“ über sie hereingebrochen sei: „Ihren Gatten hat man ermordet, ihre Söhne sind tot, eine Tochter wurde als Sühnopfer geschlachtet, die andere Tochter wird entehrt. Die Frauen von Troja können nicht begreifen, dass sie Mütter wurden, um ihre Kinder zu verlieren; sie begreifen nicht, dass die Welt, die doch scheinbar eine einheitliche Ordnung darstellt, in ihren Elementen erschüttert wird und nur der blinde Trieb entscheidet.“ Schließlich heißt es jedoch in der Rezension der Aufführung:

Sprecherin:

„Wenn Hekuba aber, statt freiwilligen Tod zu wählen, trotzdem sagt: ‚Ich nehm’ das Leben an die Brust und trag’s zu Ende!‘ ist in diesem wundervollen Schluss der Tragödie ein Symbol der Pflicht des Menschen zum Leben aufgerichtet, eine Pflicht, die gleichbedeutend ist mit Trotz gegen die unmenschliche Natur als der einzigen übrig bleibenden Waffe.“[2]

Als Franz Werfel in Tabgha zu Gast war, ahnte er wohl nicht, dass weitere, noch grausamere Kriege als der Erste Weltkrieg kommen sollten. Vielleicht empfand er ähnlich wie die Frau, von der der allerletzte Eintrag im zweiten Gästebuch von Tabgha stammt. Am 1. Dezember 1937 schrieb Devora Sireni, eine Biologin aus Tel Aviv: „Vom Ufer des friedlichen Sees Gennesaret ergeht der große Ruf nach Frieden.“

Der Ruf wurde nicht gehört. Damals nicht. Heute nicht. Hoffentlich hören wir wenigstens den Opfern zu. Hier wie dort. Und gebe Gott ihnen die Kraft, wie Hekuba in Werfels Tragödie zu sagen: „Ich nehm‘ das Leben an und trag’s zu Ende.“

Aus Tabgha am See Gennesaret grüßt Sie Georg Röwekamp

[1] Aus: Karl May, Ardistan und Dschinnistan, 1. Band, 1909, S. 17.

[2] Aus: Leopold Jacobson, Zum erstenmal: „Die Troerinnen“, ein dramatisches Gedicht nach Euripides von Franz Werfel. In: Neues Wiener Journal, 21.5.1920, S. 3.

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