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Kirche in WDR 3 | 11.04.2024 | 07:50 Uhr

Leben mit Demenz

Einen schönen Donnerstagmorgen! Ich frage mich, was Frau Thormann wohl grade macht. Ich hoffe, sie liegt noch im Bett und macht es sich gemütlich. Das hat sie in ihrem Leben viel zu selten gekonnt, obwohl sie es so genießt. Die Familien- und auch die Berufsphase liegen lange hinter ihr. Warum sollte sie sich also jetzt völlig gegen ihre Natur an den Frühstückstisch quälen? Weil der straffe Zeitplan im Pflegeheim es verlangt, in dem sie seit einigen Monaten lebt?

Ja, ich weiß, wie hart und zermürbend die Arbeit der Pflegenden in Heimen und Familien ist. Wie herausfordernd grade für Angehörige der Umgang mit an Demenz erkrankten Eltern und Großeltern ist. Und wie gering auf der andere Seite der eigentlich hoch verdiente Respekt für die Frauen und Männer in pflegenden Berufen und in der häuslichen Pflege leider immer noch ausfällt. Aber wenn ich mich in die Haut der Bewohnerinnen und Bewohner einer Einrichtung für Menschen mit Demenz
hineinversetze, dann denke ich darüber nach, ob es nicht auch anders geht. Ob wirklich alle um 9 Uhr gefrühstückt haben müssen, weil um halb 10 das Gedächtnistraining in Kleingruppen losgeht.

Gerda Thormann ist an Demenz erkrankt. Ich habe sie in meinem Krankenhaus, in dem ich als Seelsorger arbeite, kennengelernt. Genau genommen nicht sie, sondern ihre Nachbarin, die sie begleitet hat und mit der ich mich lange unterhalten habe. Sie hat mir diese Begebenheit erzählt: Einmal brachte eine Tochter Frau Thormann ein Puzzle mit ins Pflegeheim. „Hier, damit du was zu tun hast.“ Gehorsam fing Gerda Thormann an zu Puzzeln. Jeden Tag, wenn die Tochter zu Besuch kam. „Komm, Mutter, puzzeln. Du weißt doch, das ist doch auch gut für dein Gehirn. Dann bist du beschäftigt.“ Die Nachbarin sagte: In einem klaren Augenblick hat Gerda das Puzzle genommen und an die Wand geworfen. „Ich habe noch nie gepuzzelt. Mein ganzes Leben lang nicht. Warum muss ich das jetzt hier immer tun?“ hat sie gesagt. „Und das stimmt“, sagt die Nachbarin, „Ich kenne Gerda seit fast 60 Jahren. Die hat ganz sicher nie gepuzzelt.“

Was brauchen Menschen mit Demenz? Ablenkung? Ist es für Menschen, deren Hier und Jetzt irgendwo in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts liegt, eine Bushaltestelle, an der nie ein Bus abfahren wird? Ist es ein Beschäftigungsprogramm, dass ihnen keine Ruhe für die wenige Erinnerung lässt, die der einzige verbliebende Anker in ihr eigenes Leben ist? Gerda Thormann, sagt die Nachbarin, hat ihr Leben lang gerne Gitarre gespielt. Vielleicht täte es ihr gut, einfach mit einer Gitarre in der Hand da zu sitzen und Gitarrenmusik zu hören. Aber dann, wenn sie es will und nicht, wenn es auf dem Stundenplan steht. Nicht wenn jemand für sie bestimmt, dass es ihr jetzt gut tut. Und sie hat gerne gebacken. Vielleicht täte es ihr gut, nicht nur jeden Nachmittag ein Stück Kuchen zu essen, sondern mal wieder selber den Teig in den Händen zu spüren, zu kneten und zu formen.

Würdevoller Umgang mit Menschen, die in einer Welt leben, in die wir nicht hineinschauen können. Die weit zurückliegt. Die viel langsamer ist, als unser Takt. Die aber immer noch lebendig und real – in diesem einen Menschen. Und der Angst hat und unsicher ist, wenn er mit unserer Welt konfrontiert wird – durch wohlwollend gemeinte Aufforderungen, die aber nicht verstanden werden. Durch genervte Maßregelungen, obwohl man gar nicht weiß, was man falsch gemacht hat. Und durch die 100.000 Angebote, die dem Leben Beschäftigung und damit Sinn geben sollen. Aber mal ehrlich: Schafft eine Beschäftigung, die nur darauf abzielt „irgendwas“ zu tun, Sinn? Ist es nicht viel Sinn-stiftender, den Menschen Ruhe und Sicherheit zu verschaffen und damit auch Selbstbestimmung zu ermöglichen?

Möchten Sie alt und betagt werden? Die meisten Menschen sagen heute „Nein“, weil sie Angst davor haben, im Alter ihre Würde zu verlieren. Vielleicht wäre diese Angst gar nicht nötig, wenn wir heute schon würdevoller mit alten oder an Demenz erkrankten Menschen umgehen würden. Was wohl Gerda Thormann grade macht? Ich hoffe, dass sie noch in ihrem Bett liegt und es sich gut gehen lässt.

Ich bin Martin Kürble und wünsche ihnen aus Düsseldorf heute einen selbstbestimmten und würdevollen Tag. Bleiben Sie behütet.


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