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Kirche in WDR 3 | 13.05.2024 | 07:50 Uhr

Honigbrötchen und Stress

Guten Morgen.

Mit 19 habe ich in einem Altenheim gearbeitet. Als Aushilfe, um das Studium zu bezahlen.

Am Wochenende die Frühschicht, also in die Zimmer rein, wecken, Bett aufschlagen und dann ins Bad. Dann stehen wir da. Elke kann die Arme nicht mehr so gut hochheben, da kämpfen wir beide schon mal mit dem Nachthemd. Bernd mag das Wasser zum Duschen nicht zu warm und nicht zu kalt - wir müssen ein bisschen rumprobieren bis wir die richtige Temperatur finden. Und Elfriede trägt ihre Haare gerne als Dutt. Den kriege ich aber nicht jeden Morgen direkt hin. Dabei erzählen wir ein bisschen. Elke und Elfriede geben mir gerne Tipps, worauf ich bei einem potentiellen Ehemann am besten achten sollte. Bernd muss oft an seine Kindheit im Krieg denken, und es tut gut, wenn wir darüber sprechen.

Eigentlich habe ich für die Morgentoilette auch nur zehn bis fünfzehn Minuten Zeit. Pro Person. Wenn Ottos Haut dringend mal eingecremt werden müsste, weil sie so trocken ist, dann überziehe ich. Und hab bei der nächsten Person weniger Zeit. Dann möchte Rosie gerne ein bisschen Lidschatten haben, denn es ist ja Sonntag, und sie ist dann gerne etwas schicker. Vor allem, wenn die Enkel kommen, die sieht sie nicht so oft. Ich will sie auch nicht abwürgen, denn sie redet richtig aufgeregt. Aber wenn ich hier nicht rechtzeitig fertig bin, dann müssen meine Kolleginnen eine Person für mich übernehmen.

Wenn dann alle geduscht und angezogen sind, bringe ich das Frühstück. Schmiere Brötchen, gieße Kaffee ein und helfe ab und an beim Essen.

Rosie und ich haben jeden Morgen dasselbe Spiel: „Wie hätten Sie denn gerne Ihr Brötchen?“, frage ich. – „Beide Hälften mit Honig, bitte. Ich bin doch ein Honigbienchen.“ Und wirklich jeden Morgen müssen wir ziemlich doll darüber lachen.

Am Ende meiner Schicht, wenn ich dann „tschüss, bis morgen“ sage, da sagt sie dann manchmal: “Hoffentlich nicht.” Ihren Ton kann ich nicht richtig deuten.

Das war für mich mit 19 echt hart. Ich mochte die Dame, und ich wollte sie sehr gerne am nächsten Tag wiedersehen. Ich hätte gerne darüber mal gesprochen, mit meinen Kolleginnen, wie sie das meint. Und was ich antworten kann.

In der Pflege kommt man sich sehr nah. Nicht nur körperlich. Sondern auch emotional. Ich wünschte mir, dass für diese Nähe mehr Zeit wäre. Dass auch die Pflegekräfte mehr Zeit hätten, miteinander zu reden. Einfach mal zu erzählen, was sie am Tag erlebt haben oder was dieser und jene gesagt hat. So wie ich es gerade tue, mit Ihnen über das Radio, während Sie sich vielleicht die Haare schön machen oder ein Honigbrötchen essen.


(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5:


Ich bin Inga Waschke, und ich grüße Sie aus Köln!


Redaktion: Pfarrerin Julia-Rebecca Riedel und Landespfarrerin Petra Schulze


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