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Kirche in WDR 4 | 06.07.2015 | 08:55 Uhr

Gott lenkt

Sie verlieben sich, Tomasz, der polnische Widerstandskämpfer und Hannah, die deutsche Jüdin, im KZ. Es gelingt ihnen, zu fliehen. Sie entkommen ihren Verfolgern, aber sie werden unterwegs auseinandergerissen. Tomasz muss Filmmaterial aus dem KZ an den Mann bringen und lässt Hannah bei seiner Mutter. Der fällt es schwer zu akzeptieren, dass ihr Sohn mit einer jüdischen Frau verlobt ist. Sie bittet absichtlich einen SS-Mann zum Kaffee ins Haus, wo hinter einem Vorhang Hannah liegt, nach einer Fehlgeburt noch geschwächt. Dann verlässt sie den Raum. Der Mann wittert, dass da jemand versteckt ist und zieht den Vorhang beiseite: Das Bett ist leer. Hannah hat sich samt Bettzeug im Schrank versteckt.

Sie flüchtet zu Tomaszs Schwägerin. Die Russen kommen und nehmen Tomaszs Schwägerin mit. Zufällig ist Hannah nicht im Haus und entkommt auch diesmal. Sie beschließt, sich nach Berlin durchzuschlagen. Unterwegs bricht der Winter ein, es schneit, sie klappt zusammen und droht zu erfrieren. Da kommt ein Bus des Roten Kreuzes und liest sie auf. Tomasz kehrt zu seiner Mutter zurück. Sie teilt ihm mit, Hannah sei tot. Später heiratet er, bekommt eine Tochter und wird Lehrer. Er lebt in einem Plattenbau in Polen. Hannah sucht vergeblich nach ihm. Sie heiratet schließlich einen jüdischen Mann. Auch sie bekommt eine Tochter und lebt in wohlhabenden Verhältnissen in New York City. Dreißig Jahre vergehen. Da holt Hannah eines Tages etwas in ihrer Reinigung ab. Der Fernseher läuft und sie erkennt Tomasz. Er erzählt einer Reporterin ihre Geschichte, ihrer beider Liebesgeschichte und wie das mit der Flucht war.

Sie kann es kaum glauben: Er lebt. Vom Suchdienst des Roten Kreuzes bekommt sie Tomaszs Telefonnummer. Sie ruft ihn an. Die Geschichte endet, als Hannah in Tomaszs Heimatstadt aus dem Bus steigt und sich beide nach Jahrzehnten wiedersehen.

`Die verlorene Zeit` heißt der berührende Film, der vor ein paar Wochen im Fernsehen lief und der nach wahren Begebenheiten gedreht wurde. Mich hat daran fasziniert, von wie vielen Zufällen es abhing, dass die beiden überlebten und sich – wenn auch erst nach Jahrzehnten - wiederfanden. Hätte man sie gefasst, wären sie erschossen worden. Hätte Tomasz nicht der Reporterin die Geschichte erzählt oder wäre der Fernseher in der Reinigung nicht gelaufen: Sie hätten sich nie wieder gesehen.

Das Schicksal von Hannah und Tomasz hat mich nachdenklich gemacht. Entscheidend dafür, wie ein Leben verläuft, sind oft ganz andere Faktoren, als die Weichen, die Menschen selbst stellen. Der Mensch denkt, Gott lenkt, heißt es. Das schließt nicht aus, dass wir an manchen Weggabelungen selbst entscheiden, in welche Richtung es weitergeht. Aber alles haben wir eben nicht in der Hand. Es gibt Menschen, die damit gar nicht umgehen können und wieder andere, die darin auch etwas Entlastendes sehen: Dass da noch ein anderer ist, der unser Leben in seiner Hand hält. Waren es verlorene dreißig Jahre, die Tomasz und Hannah nicht gemeinsam verbringen konnten? Vielleicht ja. Vielleicht hätten sie sich aber auch getrennt, weil sie unterschiedliches vom Leben erwartet haben. Der Film lässt offen, wie es mit den beiden weitergeht. Aber Hannah schreibt ihrem Mann, als sie zu Tomasz aufbricht: Ich habe mit dir ein gutes Leben gehabt. Sie nimmt ihr Leben an, wie es verlaufen ist.

Vielleicht ist das die Kunst: Sein Leben, so wie es ist, anzunehmen. Auch wenn es an vielen Punkten ganz anders hätte verlaufen können. Auch wenn es offene Enden gibt, und manches ungelebt bleibt. Auch wenn es nicht in allem unseren Träumen entspricht und oft genug nur schwer auszuhalten ist. Es macht Sinn, sich darauf zu verlassen, dass da ein anderer das Beste aller möglichen Leben für einen ausgesucht hat, meint Ihre Barbara Schwahn, Pfarrerin aus Düsseldorf.

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