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Kirche in WDR 4 | 13.08.2016 | 08:55 Uhr

Meine Berufung

Es ist ja noch relativ früh am Morgen. Aber es gab Zeiten, da bin ich jede Nacht um drei Uhr aufgestanden. Nicht um zur Arbeit zu gehen, weil ich etwa in einer Bäckerei gearbeitet hätte, sondern weil ich Ordensfrau bin und das erste Gebet des Tage um 3.15 Uhr begann. Schnell habe ich mir über den Schlafanzug den Habit geworfen, das Ordensgewand, Schuhe an die Füße und bin leise hinunter in die dunkle Kirche geschlichen. Dort begann dann pünktlich ein etwas einstündiges Gebet mit dem Gesang von Hymnen und Psalmen auf Latein. Manchmal war es bitter aus dem Tiefschlaf gerissen zu werden und mein Kreislauf hat rebelliert. Ich sah wohl aus wie ein Nachtgespenst mit bleichem Gesicht.

Dennoch war es ein besonderes Gebet: wenn noch alles schläft, noch nicht mal ein Vogel zwitschert, hat die Welt eine Stille, die ein Tag sonst nicht bietet. Danach konnte ich schnell wieder ins Bett schlüpfen und eine Stunde schlafen, bis das nächste Gebet, die Laudes, erneut in die Kirche rief. Diesmal war ich dann komplett angezogen und gewaschen.

Doch diese Zeiten sind einige Jahre her. Damals war ich 21 Jahre alt und bin in ein beschauliches Kloster eingetreten. Eines, in dem das Gebet im Mittelpunkt stand und wir uns sieben Mal am Tag trafen um gemeinsam Gott zu loben. Dazwischen wurde gearbeitet, ganz nach dem Leitspruch „ora et labora“ – bete und arbeite. Alles im Schweigen.

Schon früh hatte be ich gespürt, dass Gott mir in meinem Leben wichtig ist. Und mit ca. 16 erzählte mir eine Schulfreundin, dass sie in ein Kloster gehen würde. Es war Ehrensache, sie zu besuchen und schon bei dem ersten Besuch fing ich selbst Feuer für das Ordensleben. Es dauerte noch einige Jahre bis ich diese Berufung ganz lebte, aber dann, mit 21, nahm ich „Abschied von der Welt“ wie meine Freunde es theatralisch nannten und trat in jenes fernes Kloster ein.

Aber schon nach vier Jahren verließ ich dieses Kloster wieder. In einem Leben ohne Reden und hinter Klostermauern fühlte ich mich nicht glücklich. Schwester wollte ich bleiben. Und dann fand mich der Dominikanerorden. Anders kann ich das es nicht bezeichnen. Denn es gibt so viele verschiedene Orden und Möglichkeiten, ein Leben mit Gott zu führen, dass ein konkretes Suchen Jahre gedauert hätte.

Ich wurde eine Dominikanerin von Bethanien. Das ist eine der Schwesterngemeinschaften in der dominikanischen Ordensbewegung. Unsere Kongregation feiert in diesem Jahr ihr 150 jähriges Bestehen. Und ich bin nun schon seit 23 Jahren Teil davon. Vieles habe ich innerhalb dieser Ordensjahre getan. Ich habe meine Ordensausbildung, das Noviziat, gemacht, habe studiert, mich fortgebildet, war in einem Kinderdorf als Erziehungsleitung und nun, seit vier Jahre bin ich Kinderdorfmutter. Ich lebe mit fünf Kindern in einem Haus mit Garten, Kater und Hühnern und stehe nur noch um drei Uhr nachts auf, wenn eines der Kinder krank ist oder einen Albtraum hat. Aber im Dominkanerorden habe ich gelernt, dass mein Ganzes Tun, mein Sein, Gebet ist. Eine großartige Heilige, Teresa von Avila, sagt einmal, „Gott ist auch zwischen den Kochtöpfen“.

Eine alte Mitschwester sagt immer „was Berufung so alles beinhaltet“ und freut sich dabei ihres Lebens. Und ja, so ist das: Berufung ist eine Idee, die im Inneren entsteht. Fast wie ein Traum oder ein Gedanke, der sich plötzlich festsetzt. Das lässt einen nicht mehr los und man spürt körperlich, dass man diesen Weg gehen will, will, will - wenn auch mit Angst. Denn so ganz sicher ist man sich selten. Weder wenn man eine Beziehung anfängt, ein Studienfach wählt, einen Urlaubsort aussucht oder was auch immer. Die wenigsten können alle Zweifel im Kopf beseitigen. Aber das Wichtige in meinem Berufungsweg war, dass ich diesem Inneren getraut habe. Das ich wusste, dass das, was mein Unterbewusstsein hervorbringt, auch von Gott kommt und ich sicher sein kann, dass es ein guter Weg ist. Den ersten Schritt musste ich selbst wagen. Aber alle Sicherheit kommt erst, wenn man es ausprobiert. Dann sprudeln einem die Kräfte, wenn der Weg der Richtige ist. Innen drin kommt es zu einer Ruhe, aus der es weitergeht.

In meinem Leben habe ich viele verschiedene Berufungen erlebt. Und manchmal hat es gedauert, bis es sich wirklich richtig angefühlt hat. Bis ich sagen konnte: Genau! Das bin ich.

Ich bin Sr. Jordana vom Orden der Dominikanerinnen von Bethanien. Und Ihnen wünsche ich, dass sie den Mut haben, auch ihre Berufungen zu leben.

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