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Kirche in WDR 4 | 21.09.2021 | 08:55 Uhr

Antisemitismus im weißen Hemdskragen

 Antisemitismus im weißen Hemdskragen - Die Jüdin Ruth Schulhof-Walter


Aktualisierte Wiederholung vom 24.10.20 in Kirche in WDR 2

 

O-Ton: Bis jetzt habe ich mich hier eigentlich ganz sicher gefühlt. Ja, ich trage keinen Davidsstern um den Hals, ich trage keine Kippa in der Öffentlichkeit, ich habe auch schon früher schon antisemitische Äußerungen gehört, aber das waren Äußerungen, da war keine Gewalt.

 

Autorin: sagt Ruth Schulhof-Walter von der Synagogengemeinde in Köln. Sie trägt Jeans, T-Shirt und auf dem Kopf wilde, blonde Locken. Dazu blaue Augen, die einen sehr direkt anschauen. Man wird das Gefühl nicht los, sie will wissen, wer man ist. Ob Gefahr im Verzug ist. Kein Wunder.

 

O-Ton: ich fühle mich auch deshalb hilflos ausgeliefert, weil die Justiz nicht reagiert. D. h. die, die gewalttätig werden gegen Juden, die werden nicht wirklich bestraft. Das wird immer runtergespielt.

 

Autorin: Das Polizei und Justiz auf dem rechten Auge manchmal blind sind, ist mittlerweile bekannt. Spätestens der NSU Prozess hat dies drastisch verdeutlicht. Ruth Schulhof-Walter beobachtet noch ein anderes Phänomen:

 

O-Ton: Ich habe Angst vor den Antisemiten mit den weißen Kragen, die in hohen Positionen sitzen und das nimmt - so wie ich das hier erlebe und ich arbeite in der Synagogengemeinde – nimmt das zu. Und ich fühle mich nicht mehr sicher. Und deshalb überlege ich, ob ich gehe.

 

Autorin: Die weißen Hemdskragen – in Politik, Justiz und Wirtschaft. Viele ihrer jüdischen Freunde und Freundinnen wandern nach Israel aus, sobald sie im Ruhestand sind. Auch von Gemeindegliedern weiß sie das.

 

O-Ton: Ja, in Israel ist es auch nicht sicher. Da kommen regelmäßig, alle paar Tage aus Gaza Raketen – auch da ist es unsicher, aber da werde ich nicht diskriminiert. Ich fühle mich in diesem Land dreimal mehr sicher als hier.

 

Autorin: Das hat auch mit Corona zu tun. Was aktuell in Deutschland – in Zeiten von Corona – wieder auflebt, ist die Jahrhunderte alte Wahnvorstellung, dass Juden Schuld an den Seuchen sind.

 

O-Ton: Es ist immer sehr einfach, wenn man etwas nicht versteht, jemanden die Schuld zu geben, aber das was jetzt in manchen digitalen Veröffentlichungen zu lesen ist, das ist nichts anderes als das, was es im Mittelalter schon mal gab. Nur da war es die Pest und jetzt ist es Corona.

 

Autorin: Ruth Schulhof-Walters persönliches Ziel: Antisemiten zu bekehren. Sie davon zu überzeugen, dass Juden Menschen sind wie du und ich. Deshalb führt sie Schulklassen durch Synagogen und engagiert sich bei dem Verein „321- 2021 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.

 

O-Ton: Das Einzige was uns unterscheidet ist die Religion und die Tradition. D.h. Wir feiern nicht Weihnachten und Ostern und wir haben vielleicht einen anderen Familienzusammenhalt. Aber ansonsten sind wir Nachbarn wie alle anderen auch.

 

Autorin: Juden sind unsere Väter und Mütter im Glauben. Gott ist in Jesus, einem Juden, Mensch geworden. Mein Gott, macht mich das wütend. Unglaublich, dass Juden in Deutschland wieder bedroht, verfolgt, getötet werden. Für mich steht fest: Ich werde an ihrer Seite kämpfen. Gegen Antisemitismus. Ich hoffe, auch Sie sind dabei.

 

 

Ihre Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius aus Wuppertal.

 

 

Anmerkungen:

(1) Nach Auschwitz – Die radikale Anfrage an Anthropologie und Gotteslehre, aus der Reihe: Religion betrifft uns, Bergmoser und Höller Verlag AG, 2015 (1).

(2) Juden und Verschwörungstheorien, von Sabine Kaufmann und Tobias Aufmkolk in: planet-wissen. de, zuletzt aufgerufen am 14.09.20.

 

 

Redaktion: Pfarrerin Julia-Rebecca Riedel

 

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