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Kirche in WDR 4 | 16.08.2022 | 08:55 Uhr

Verlässlichkeit

Sie steht jeden Morgen vor ihrer Haustür und winkt dem Schulbus zu. Obwohl sie niemandem in dem Bus kennt. Obwohl sie ausschlafen könnte. Sie geht raus, egal, wie das Wetter ist – sie steht da und winkt. Denn sie wird schon erwartet. Der Busfahrer und die Kinder wissen genau: Da gleich, beim nächsten Haus, das steht sie wieder, die freundliche alte Frau und winkt. Und sie grüßen
zurück – per Lichthupe und per Winkearm. Wie ein verlässliches Scharnier zwischen Zuhause und Schule liegt dieses kleine Morgenritual auf ihrem täglichen Weg. Ihnen allen würde was fehlen. Wenn die alte Dame nicht da stünde oder der Busfahrer nicht per Lichthupe grüßen würde – sie würden es bemerken, sich wundern. Womöglich würden sie sich sogar Sorgen machen und dem nachgehen.

Wildfremde, die sich umeinander kümmern – darum, dass die anderen gut in den Tag starten können, Wildfremde, die einander wissen lassen: Du wirst von mir erwartet! Als ich dieses kleine Video aus irgendeinem Ort in den USA im Netz sah, dachte ich: So ein Winkritual am Morgen könnte glatt einem Masterplan gegen die Einsamkeit entsprungen sein.

Immer mehr Länder beschäftigen sich mit der Einsamkeit ihrer
Bürgerinnen und Bürger. In Großbritannien haben sie sogar ein Ministerium gegen die Einsamkeit eingesetzt. Und Studien zeigen, dass das Sinn macht, weil immer mehr und auch immer jüngere Menschen einsam sind. Menschen sind, die sich nicht zugehörig fühlen. Und das schlimmste: die sich oft noch dafür schämen.

Einsamkeit ist ein Tabu – vor allem unter jüngeren Menschen. „Die müssen doch denken, dass mit mir was nicht stimmt. Dass ich selbst schuld bin.“ Solche Gedanken haben viele, die sich einsam fühlen und behalten es deshalb lieber für sich.
„Du musst Dich mal unter die Leute mischen. Geh doch in einen Verein oder so“ bekommen sie oft zu hören, wenn sie sich denn anvertrauen. Aber eine Unterschrift unterm Mitgliedsvertrag allein macht mich noch nicht zum Teil der Gruppe. Es braucht ein menschliches Scharnier.

Es braucht mindestens einen Menschen, der sich wirklich über das neue Gesicht in der Runde freut und das auch zeigt. Es braucht das Anklingeln, das Einladen, das Ansprechen und das Zusagen – es braucht das Winken und das Zurückwinken. Einsamkeit lässt sich nicht einseitig beenden.

In der Kirchengemeinde, in der ich bis vor kurzem gearbeitet habe, habe ich viele solcher Menschen getroffen: Scharniere auf Füßen sozusagen. Besonders denke ich an einige Frauen, die sich irgendwann getraut haben, das Tabu zu brechen. Sie haben sich erzählt, wie einsam vor allem diese Sonntagnachmittage sind. Da war Erleichterung in der Luft. Und auch Verwunderung: „Du? Das hätte ich nie gedacht. Du kennst doch so viele Leute und bist so oft unterwegs.“

Einmal ausgesprochen, kommen sie in Bewegung. Inzwischen sind mehrere Initiativen
entstanden – mal mit Fahrrad, mal mit Gitarre, mal mit Kaffee, immer mit Gesprächen. Und gewachsen ist das Gefühl von Zugehörigkeit. Und Verlässlichkeit. „Klar, gehe ich hin, die anderen würden sich sonst wundern, wo ich bleibe“ sagt mir letztens eine von den Frauen. So kann das gehen mit dem Winken und Zurückwinken. Mit oder ohne Bus.

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