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Sonntagskirche | 27.11.2022 | 08:55 Uhr

Einsam

Guten Morgen.

Jutta sitzt am Telefon. Es klingelt. „TelefonSeelsorge, guten Abend“, meldet sie sich. „Hallo“, klingt es am anderen Ende der Leitung. „Hallo“, erwidert Jutta. „Hier ist Ingo“, sagt die Stimme im Hörer. „Ich bin eben nach Hause gekommen. Und grad ist es besonders schwer.“ „Oh.“, sagt Jutta. „Was ist es denn, das gerade besonders schwer ist?“ Und Ingo beginnt zu erzählen. Von dem Tag mit Freunden heute. Vom Kuchenessen, den Kindern und dem Adventskranz auf dem Tisch. Und dass alles so liebevoll und nett gemeint war: ihn einzuladen, heute, am 1. Advent. Und dass er sich dann, inmitten des fröhlichen Trubels der anderen, besonders allein gefühlt hat und irgendwie nicht zugehörig. Es ist diese Zeit des Jahres, in der er mehr als sonst merkt, dass er einsam ist. Dass er ein anderes Leben führt als die meisten um ihn herum mit ihren Beziehungen oder Familien, als - scheinbar - die ganze Welt. Wenigstens, wenigstens ist die Beleuchtung dieses Jahr nicht so grell wie sonst. Da war der Schein der ersten Kerze auf dem Adventskranz sogar ganz schön, wurde nicht überstrahlt von heller Neon-Weihnachtsbeleuchtung. Die blieb zum Energiesparen dieses Jahr Gott sei Dank aus.

Jutta hört zu. Ab und zu fragt sie nach oder äußert Verständnis. Ingo erzählt und erzählt. Er könnte einen Roman über seine Einsamkeit schreiben. Der Schmerz der letzten Jahre, besonders der Coronajahre, bricht wie ein Schwall aus ihm heraus. Er kennt diese Frau gar nicht, die da am Telefon sitzt. Ingo empfindet eine große Erleichterung in der Art, wie sie zuhört. Wie macht sie das? Zwischendurch denkt er: Wieso können meine Freunde das nicht? Dann wird er wütend auf die Frau am Telefon und denkt: Erzähl doch auch mal was! Wie geht es dir damit? Bis sich eine Dankbarkeit in ihm einstellt. Für die letzte halbe Stunde. Für das Aushalten seiner Gedanken und Gefühle. Und dafür, dass sie ihn nicht zum Kaffee einlädt. Hört sich jetzt blöd an, bei all den netten Einladungen zum Kaffee und zum Essen. Und doch: Es tat gut, dass alle seine einsamen Gedanken und Gefühle einfach sein durften, wie sie sind. Traurig. Und in der Adventszeit besonders spürbar.

Als Jutta auflegt, denkt sie an ihren Cousin Philipp. Der hatte sich Weihnachten mal ohne Handy zurückgezogen. Hatte alle Einladungen ausgeschlagen und war nicht erreichbar. Sie hatte das damals nicht verstanden. Sie fragt sich, wie es ihm jetzt gerade wohl geht. Und sie zündet eine Kerze an auf dem Schreibtisch der TelefonSeelsorge an. Für sie ist es ein Hoffnungslicht inmitten aller Dunkelheiten, die Menschen aushalten müssen. „Das Licht scheint in der Dunkelheit und die Dunkelheit hat es nicht überwunden“, steht in der Bibel. (Johannes 1,5) Eine Kerze, ein Licht: für Ingo und für Philipp, und für alle, für die ein zaghaftes Licht adventlicher ist als ein trubeliges Kaffeetrinken. Und sie denkt sich, dass beides wichtig ist: ein Licht anzünden und die Dunkelheit aushalten.



Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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