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Kirche in WDR 4 | 07.11.2022 | 08:55 Uhr

Schön, datte gekommen bist

Heute ist wieder Montag, und weil heute Montag ist ist das Wochenende leider auch schon wieder vorbei. Tja. Und ab heute werden meine Montage anders sein als sonst. Und das kommt so: Bis heute habe ich montags immer Cilli besucht. Bis vor zwei Jahren hat sie noch in ihrer eigenen Wohnung gewohnt. Dann habe ich mittags den Stift zu Seite gelegt. Habe eine Suppe gekocht. Oder im Imbiss nebenan Kartoffelsalat mit Frikadellen gekauft. Den hat Cilli besonders gemocht. Ich habe bei Petra im Büdchen den Haustürschlüssel von Cilli geholt. Petra hat nämlich den Schlüssel verwahrt und dafür gesorgt, dass alle problemlos bei Cilli reingekommen sind: Der Physiotherapeut. Die Friseurin. Der Pflegedienst, falls der mal den Schlüssel vergessen hat. Und montags eben ich. Mit Greta, meinem Hund. Cilli hat im Rollstuhl gesessen. Und konnte deswegen nicht mehr die Tür aufmachen. Auch weil sie die Türklingel nicht mehr gehört hat.

Sie hat mich angetrahlt, jeden Montag, als ob Weihnachten wäre, ungelogen. Sie hat mich in den Arm genommen. „Schön, datte jekommen bis“ hat sie gesagt. Dann hat sie den Hund begrüßt. „Nä, wat bis du ein schöner Hund. Dich muss man einfach jern haben.“ Greta ist auf ihren Schoß gesprungen und hat ihr Gesicht abgeleckt. Ich bin in die Küche gegangen, habe das Essen auf zwei Teller verteilt und den Kaffee aufgesetzt. Und dann haben wir gegessen. Oben am Tisch über Eck die zwei Menschen. Unten am Tischbein der Hund. „Hat der Hund auch wat?“ hat Cilli gefragt. „Ich krisch nix runter, wenn der Hund nix zu essen hat.“ Na klar, der Hund hat immer zuerst was in seinen Blechnapf bekommen. Etwas Gemüsesuppe. Oder ein Stückchen Frikadelle. Wie oft habe ich gesehen, dass Cilli dem Hund heimlich ein Stück von ihrer Frikadelle in den Napf getan hat, wenn ich aus der Küche gekommen bin, weil ich dort noch was holen wollte. Ich habe natürlich nichts gesagt. Typisch Cilli: Zuerst sind immer die anderen dran. Die anderen Menschen. Die anderen Tiere.

Cilli hätte allen Grund gehabt mit den Menschen zu brechen. Bei all der Gewalt, der Übergriffigkeit und der Lieblosigkeit, die sie erlebt hat. Im Krieg. Im Kinderheim. Bei den Nonnen. Auf der Arbeit. Kein schönes Leben. Woher sie die Kraft genommen hat, genau das nicht zu tun – ich weiß es nicht.

Und als wir manchmal da an ihrem Tisch gesessen haben, oben wir beide und unten der Hund, da habe ich gedacht: Genau hier fängt doch der Himmel an. Hier bei Cilli an dem Tisch mit der Wachstuchtischdecke, den Pillendosen, den Papiertaschentüchern, der Keksdose, die immer voll ist. Mein Hund und ich und mittendrin diese wunderbare alte gebrechliche Frau, die heimlich ihre Frikadelle mit Greta teilt. Eine Frau mit nichts als Liebe für Menschen und Tiere.

Jetzt ist sie gestorben. Und in der letzten Woche haben wir sie beerdigt. Und ich stelle mir vor, im Himmel geht es nicht anders zu als bei Cilli in der Küche. „Schön, datte jekommen bist“ sagt Gott bestimmt. Und strahlt. „So ne tolle Frau wie dich kammer nur jern haben.“ Ich finde, da hat er Recht. Nicht nur an einem Montagmorgen.


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