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Sonntagskirche | 10.12.2023 | 08:55 Uhr

Kerzenlicht, weltweit

Guten Morgen.

Die alte Dame auf dem Friedhof geht an mir vorbei. Ihre Schritte sind zögerlich, ich merke, wie sie langsamer werden, deshalb bleibe ich stehen. Ich denke, vielleicht will sie etwas sagen. Will sie auch, unsere Blicke treffen sich, ich gucke in ihre Augen, ich schätze, sie ist mindestens 80. „Ich hab das auch erlebt“ sagt sie. Ein kurzes Nicken mit dem Kopf Richtung Grab, von dem ich gerade herkomme. Wir schauen zusammen rüber.

Kein gewöhnliches Grab. Sondern ein kleines, ein sehr kleines. Wir haben dort gerade ein verstorbenes Baby beerdigt.

Bei der alten Dame ist das schon ewig her, das erzählt sie mir. Irgendwann in den 60ern, als sie noch jung gewesen ist. Aber die Erinnerung ist ganz gegenwärtig. Während sie spricht, bilden sich kleine Wolken vor ihren Lippen. Es ist kalt. Damals wohl auch.

Was aber damals ganz anders war: Es gab kein Grab. Es gab auch keine eigene Trauerfeier. Ihr Baby war irgendwo mit beigebettet worden, so nannte man das, mit einem anderen Verstorbenen, der halt gerade beerdigt wurde. Ihr Kind hatte keine eigene Ruhestätte.

Was muss das für ein Schmerz sein, denke ich. Das Kind zu verlieren und nicht mal einen richtigen Ort zum Trauern haben.

Die alte Dame an diesem kalten Tag auf dem Friedhof bewegt mich sehr. Zum Schluss sagt sie: „Wie gut, dass das heute anders ist. Dass es diese Beerdigungen gibt. Egal, wie klein das Baby ist und ob es gelebt hat bei seiner Geburt oder nicht. Das hätte mir gutgetan. Das hätte mir geholfen, ganz sicher, all die Jahre.“

Warum ich das erzähle? Weil heute, am zweiten Sonntag im Dezember, nicht nur der 2. Advent ist. Sondern auch Worldwide Candle Lighting – das weltweite Kerzenentzünden. Das ist ein Weltgedenktag zum Erinnern an verstorbene Kinder. Heute sieht man überall auf der Welt um 19 Uhr Ortszeit eine brennende Kerze im Fenster bei Familien, die das erlebt haben. Sie zünden sie für eine Stunde an, und wenn die Kerzen in der einen Zeitzone verlöschen, werden sie in der nächsten angezündet. So geht das Leuchten wie eine Welle einmal um die Welt. Das Licht steht für Trost und für Wärme, die sich ausbreitet und alle die umhüllt, denen innerlich kalt ist, die Unterstützung und Verbundenheit brauchen.

Ich denke jedes Jahr: Wie schön, dass dieser Gedenktag gerade im Advent liegt. Advent meint ja: Ich erwarte Gottes Ankunft in unserer Welt in einem Kind. Der Advent ist die Zeit, die mir das ganz tief ins Herz spricht: Das Größte dieser Welt zeigt sich in den Kleinen. Gott kommt uns nah als Baby, klein und hilflos, nicht stark und mächtig oder herrschaftlich. Von diesem Unfassbaren erzählt der Advent, jede Kerze des Advents erzählt davon. Ihr Licht erzählt heute auch vom Schmerz. Ihr Leuchten umfängt an diesem Sonntag besonders die, die um ein Kind trauern. Und ganz bestimmt auch die alte Dame, die ich da auf dem Friedhof getroffen habe.


Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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