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Kirche in WDR 4 | 21.02.2024 | 08:55 Uhr

Tag der Muttersprachen

Guten Morgen!

Heute ist der „Internationale Tag der Muttersprachen“. Im Jahr 2000 hat die UNESCO ihn ausgerufen. Es gibt nämlich nicht nur vom Aussterben bedrohte Tierarten. Auch ein Großteil der Sprachen der Welt ist von Aussterben bedroht. Statistisch gesehen verschwindet fast jede Woche eine Sprache für immer von der Erde.


Von wem habe ich eigentlich sprechen gelernt, habe ich mich gefragt. Klar, von meiner Mutter. Ich höre mich ja heute noch manchmal reden wie sie. Aber nicht sie allein.

Oft spreche ich ganz wie der Papa. Meine Muttersprache ist auch eine Vatersprache. Und: eine Opasprache. Es ist Opa Carls Stimme, die mir viel beigebracht hat, was für mich ein Leben lang der Rede wert sein wird. Er hat mir Geschichten und die Freude an ihnen im besten Sinn „eingeredet“. Aber es sind eigentlich nicht die Worte, die mir zuerst einfallen. Es ist die Geborgenheit in Opa Carls Arm. In jener Zeit, in der ich meinen Mund noch mehr zum Daumenlutschen als zum Sprechen gebrauche. Ich bin ganz Ohr, wenn er mir ein Märchen nach dem anderen erzählt. Meistens auf Plattdeutsch. „Die Bremer Stadtmusikanten“ ist mein liebstes Märchen. Die Geschichte von Esel, Hund, Katze und Hahn, die was Besseres finden wollen als den Tod und die die Räuber aus dem Haus vertreiben. „Nochmal!“, fordere ich. Und Opa Carl erzählt nochmal. Und nochmal. Wie bin ich ihm dankbar, für die Worte und für den Arm.


Warum verschwinden bloß so viele Sprachen? Manche, weil Herrscher mit ihrem Machtwort verbieten, sie zu sprechen und zu lehren. So demütigt man Menschen, raubt ihre Identität und macht sie buchstäblich mundtot. Sprachfragen sind Machtfragen. Und sie sind Widerstandsfragen. Ich erinnere mich an die Lebenserinnerungen der alten russlanddeutschen Frauen, die ich als junge Pfarrerin kennenlernte. Die Tapferen hatten unter Stalin ihrer deutschen Muttersprache das Leben gerettet. Die alten christlichen Lieder vom Heiland und der ewigen Seligkeit zu singen, war nicht nur ihre Tradition, es war ihr Widerstand. Sie hatten sie bei ihrer Übersiedlung mitgebracht in abgegriffenen uralten Liederbüchlein und sangen daraus, sooft einer der Ihren zu Grabe getragen wurde. Es war ergreifend.


Sprache und Leben, Sprache und Macht, und noch etwas: Sprache und Liebe gehören aufs Engste zusammen. „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“ (Die Bibel, Luther 2017, 1. Korinther 13,1), schreibt der Apostel Paulus. Und meint damit: Wer lieblos redet, redet Blech.

Daran will ich mich erinnern, wenn ich mal wieder Lust habe auf gemeine Sprache. Vielleicht würde sie mir für einen Moment Befriedigung verschaffen. Doch ich weiß ja: Wenn es mir nur darauf ankommt wehzutun, auszuteilen und das letzte Wort zu behalten: dann bin ich nichts als ein dröhnender Gong oder eine schrille Sirene. Die Sprache der Liebe ist die Muttersprache des Glaubens, sei es in Deutsch, Englisch, Russisch oder Chinesisch. Sie darf nicht aussterben.


Die in der heutigen Ukraine geborene jüdische Dichterin Rose Ausländer schreibt.


Wir wohnen
Wort an Wort


Sag mir
dein liebstes
Freund


meines heißt
DU


(Rose Ausländer, Wort an Wort. Aus: dies., Im Aschenregen die Spur deines Namens. Gedichte und Prosa 1976. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1984.)


(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und WDR 5:)

Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen Pfarrerin Silke Niemeyer aus Münster.



Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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