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Das Geistliche Wort | 01.02.2015 | 08:40 Uhr

DIESER BEITRAG ENTHÄLT MUSIK, DAHER FINDEN SIE HIER AUS RECHTLICHEN GRÜNDEN KEIN AUDIO.

Der große Heinz vor seinem Gottchen

O-Ton Heinz Erhardt:

O, wär’ ich

der Kästner-Erich;

auch wäre ich gern

Christian Morgenstern;

und hätt ich nur einen Satz

vom Ringelnatz.

Doch nichts davon - zu aller Not

hab ich auch nichts von Eugen Roth

drum bleib ich – wenn es mir auch schwer ward

nur der – Heinz Erhardt. (1)

Autor: Was ist das? Falsche Bescheidenheit eines der ganz Großen? Nein, ich glaube so war er wirklich, der Heinz Erhardt. Ein sehr bescheidener, manchmal fast zerbrechlich wirkender Mann – ganz im Gegensatz zu seinem äußeren Format, das er sich im Laufe der Jahre angelegt hat. Aus diesen Widersprüchen, den Haken und Ösen und dem Lösen beim Dösen – aus all dem hat er seinen Humor gezogen.

Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer, mein Name ist Eberhard Helling; ich bin Pfarrer aus Lübbecke in Westfalen.

Der Humor von Heinz Erhardt hatte Gründe und Abgründe, heimliche und unheimlichen Seiten. Und er hatte auch geistliche Seiten. Das beginnt schon ganz vorne, in seiner frühsten Kindheit.

O-Ton Heinz Erhardt: „... ich also lag zuhause Cognac, Rum, also rum, ich konnte noch nicht laufen, ich hatte schon Beine, aber laufen konnte ich noch nicht – und es war kalt und ich fror so vor mich hin - ja, nicht nur meine Eltern auch der Ofen war ausgegangen – und plötzlich – so ganz stinkelingpief –äh instinktiv, instinktiv ... – bin wieder ein Schelm heute – also instinktiv guck ich da zur Wand. Und die öffnet sich... es war kein Neubau, nein, die Wand öffnet sich und eine Fee schwebt herein. Sie hatte ein faltenreiches Gewand, ein ebensolches Gesicht. Sie klopfte mir auf den Magen und fragte mich: „Na, Kleiner“, fragte sie, „was willst’e denn einmal werden?“ Und ich sagte im Hinblick auf meine etwas feuchten Windeln – sagte ich: „Och, liebe Tante, ich möchte gern ‚dichter’ werden.“ (2)

Autor: Und Dichter ist er geworden – oder vielleicht darf man sogar sagen – das war er schon immer. Schon in seinen Kinder- und Jugendtagen in Riga dichtet Heinz Erhardt. Er ist kein besonders erfolgreicher Schüler, aber Verse machen und mit Musik versehen, das fängt er schon früh an. Seine Eltern trennen sich kurz nach seiner Geburt; beide heiraten dann noch jeweils zweimal. Deswegen wächst der junge Heinz Erhardt bei seinen Großeltern in Riga auf. Vielleicht hängt er deswegen so leidenschaftlich an seiner Frau Gilda, die er immer nur „Zipchen“ nennen wird...? Für sie dichtet er seine „Baltische Aufforderung“ – die aber erst ab 18 geeignet ist, wie wir in seinen Gedichtbänden lesen:

Sprecher:

Baltische Aufforderung

Schatzchen! Komm mit mir auf Wiese,

Sonnchen strahlt und Blume sprießt.

Übern Arm nimm Schirm und Mantel,

falls der Fall kommt, dass es gießt.

Unter uns wird Mantel liegen,

unterm Schirm, da werden wir.

Keiner kann dann nichts was hören,

was ich sag – und was du mir ... (3)

Musik 1: Etwas über mein Mädchen, Track 16 von CD: Ein Portrait, Text, Interpret (Gesang) und Komponist: Heinz Erhardt, Label: Polydor, Copyright: (C) 1998 Universal Music Domestic Division, a division of Universal Music GmbH, Artikel-Nummer 958813, EAN 731455906424, LC 00309, (3:12).

Autor: Der Krieg hat diese Unbeschwertheit weggefegt. Heinz Erhardt wird zur Marine eingezogen; er muss zur Truppenbetreuung und dort seine Chansons und Gedichte vortragen. Auf diese Weise kommt er relativ gut durch die Kriegsjahre. Aber er hat in der Zwischenzeit Familie. Seine Frau muss mit den vier Kindern notvolle Zeit überstehen. Bitter ist es, als er zu Weihnachten 1944 keinen Urlaub bekommt.

Sprecher:

Weihnachten1944 (als ich keinen Urlaub bekam)

Die Berge, die Meere, den Geist und das Leben

hat Gott zum Geschenk uns gemacht;

doch uns auch den Frieden, den Frieden zu geben,

das hat er nicht fertig gebracht!

Wir tasten und irren, vergehen und werden,

wir kämpfen mal so und mal so...

Vielleicht gibt’s doch richtigen Frieden auf Erden?

Vielleicht grade jetzt? --- Aber wo?... (4)

Autor: In der „Baltischen Aufforderung“ verdichtet Heinz Erhardt das, was für ihn wichtig ist, in der typisch baltischen, verniedlichenden Form: die Sonne ist das Sonnchen und seinen Schatz das Schatzchen. Es ist noch alles in Ordnung – aber dann kommt der Krieg. In dem Weihnachtsgedicht hadert er mit Gott. Er hält daran fest, dass Gott uns dieses Leben gegeben hat – und dass er den Frieden auf Erden verspricht. Aber es ist Krieg. Und ihm bleibt nur die Frage: Wo können wir erfahren, dass Gott seine Versprechen hält?

Auf rührende Weise hält Heinz Erhardt am Glauben fest. Kurz nach dem Krieg schreibt er in einem Brief an seine Frau in diesem baltischen Ton von Gott – er nennt ihn „Gottchen“. Zu dieser Zeit geht es ihm und seiner Familie, seiner Frau, den vier Kindern und der Schwiegermutter nicht gut. Heinz Erhardt tourt mit seinem Programm durch die zerbombten Städte in Deutschland und er weiß, dass seine Familie nicht viel zum Leben hat. Da schreibt er seiner Frau in einem Brief:

Sprecher: „Da du anscheinend ganz ohne Geld sitzt, hab ich soeben 39,60 Mark an Dich abgeschickt. Das macht mit Porto genau 40 Mark – so viel hatte ich gerade.. .. Trotz dieser Misere bitte ich dich, niemand davon zu erzählen, wie dreckig es uns geht! ... Mach dir bitte keine Sorgen: Gottchen wird schon wieder helfen! Du musst nur fest dran glauben.“ (5)

Musik 2: Trais Valses Cis-Moll, Op. 64/2, Track 5 von CD: Die Großen Deutschen Tanzorchester, Arno Flor Vol. 2. Interpreten: Arno Flor & sein Tanzorchester, Komponist: Frédéric Chopin, Label: Documents, Copyright: 2005 Membran Music Ltd., LC 12281.

Autor: Nach den Erfahrungen des Krieges mischen sich bei Heinz Erhardt immer wieder kritische Töne in seine Gedichte – als das Vergessen und Verdrängen für viele scheinbar überlebenswichtig wurde, da schreibt er:

Sprecher:

Wascht nur in Unschuld eure Hände

und greift, kraft eigenen Ermessens

zum güt’gen Handtuch des Vergessens ...

doch hilft das Waschen nicht und Reiben;

die Flecke bleiben. (6)

Autor: Und wenn dann die Leute auch noch aufdrehen und ihre Leistungsbilanzen allen unter die Nase reiben, wie das in den so genannten Wirtschaftswunderjahren zum guten Ton gehört, und wenn diese Leute einiges zu vertuschen haben – dann wird Heinz Erhardt deutlich:

Sprecher:

Ich find solche, die von ihrem Geld erzählen,

und solche, die mit ihrem Geiste protzen,

und solche, die erst beten und dann stehlen,

ich finde solche, Sie verzeihn, zum Kotzen. (7)

Autor: Natürlich hat Heinz Erhardt auch beim wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands mitgemacht. In den 50er und 60er Jahren hat er mit seinen Familienfilmen und zahllosen Auftritten in Theatern und verschiedensten Shows großen Erfolg. Er ist aber immer ein sehr bescheiden lebender Mensch gewesen – außer beim Essen und Trinken. Das sah man ihm dann bald an.

So verheddern sich alle in Widersprüche, alle versuchen ihre Fehler und Gemeinheiten zu vertuschen; alle meinen mit ihren großartigen Leistungen hervorragend da zu stehen und am Ende kommt es vielleicht doch noch einmal ganz anders heraus...?! Warum? Weil Gott immer noch einmal eine andere Rechnung aufmacht. Das müssen vor allem die Christenmenschen immer wieder von Neuem lernen – so verstehe ich Heinz Erhardt, wenn er ihnen folgendes Gedicht ins Stammbuch schreibt:

Sprecher:

Das Schloss

Papst Paul war gestorben vor vierhundert Jahren

und ist dann, wie üblich, gen Himmel gefahren.

Und als er dort oben gut angekommen,

da hat er den güldenen Schlüssel genommen.

Es ist ja bekannt, dass früher und itzt

jeder Papst einen Schlüssel zum Himmel besitzt.

Doch siehe, der Schlüssel, der wollte nicht passen.

Der Petrus hat ihn trotzdem reingelassen

und sprach (sein Antlitz war bartumrändert):

„Der Luther hat nämlich das Schloss geändert...!“ (8)

Autor: Ich möchte am liebsten, nach dem Gedicht vom Papst, der in den Himmel will und dem Reformator Luther, der das Schloss dort oben geändert haben soll noch einmal nachfragen: ob denn wirklich Luther das Schloss geändert haben kann, oder ob nicht die Einlassbedingungen für den Himmel schon lange vorher geklärt worden sind. Ob Jesus nicht die eigentliche Schlüsselfigur ist.

Und wenn das so ist, dass wir alle, ob katholisch, evangelisch oder was auch immer, vor unserem Schöpfer einmal stehen werden - und niemand sich rühmen kann, dass er oder sie den Himmelscode geknackt hätte...

Doch dann kommt ein anderes Gedicht von Heinz Erhardt dazwischen und erzählt, dass er auch das schon längst weiß:

Sprecher:

Schüchternheit

Als Kind – zu meiner Eltern Leid –

litt ich an großer Schüchternheit.

Als Gymnasiast dann – farbumbändert –

hatte sich darin nichts geändert.

Auch nach dem ersten Kuss - mit Ellen –

war keine Bessrung festzustellen.

Im Alter erst – beim Kampf ums Leben –

hat sich die Schüchternheit gegeben.

Doch weiß ich: Tritt der Tod herein

und spricht zu mir: „Komm mit, mein Sohn!“

und führt mich vor des Höchsten Thron,

werd ich wieder ganz schüchtern sein - - - (9)

Autor: Die Schüchternheit, diese Unsicherheit ist keine Masche; bei Heinz Erhardt ist sie die Quelle seines Humors. Er stolpert über Sätze, über Buchstaben, über Situationen – und das wird dann komisch. Heinz Erhardt zeigt uns, wie alle Menschen durchs Leben stolpern – und lehrt uns so das Lachen über uns selbst. Und vielleicht ist es sein Glaube an Gott, der ihn davor bewahrt, sich über andere lustig zu machen.

Aber eigentümlicher Weise hatte Heinz Erhardt große Versagensängste. Als er gegen Ende der 60er Jahre auf Theatertournee war und er drei freie Stühle in der ersten Reihe eines Theaters bemerkte, da fuhr er den Manager des Theaters an. Man beruhigte ihn wieder. Aber die Angst, dass es eines Tages mit dem Erfolg vorbei sein könnte, die blieb. (10)

Und er arbeitete wie ein Besessener gegen diese Angst an. Er gönnte sich keine Pausen. Das ging natürlich auf Kosten seiner Gesundheit. Und er merkte schon, wie seine Kräfte nachließen. Seinen Erinnerungsalben vertraute er seine Gedanken an. 1970 begann er den 18ten Band seiner Alben mit den Worten:

Sprecher: Ich habe so eine Ahnung, dass dies mein letztes Album wird. Nun, ich habe genug gearbeitet und gelebt. Es war alles in allem ein schönes Leben. Weniger vielleicht für Zipchen und die Kinder. denn ein guter Mann und Vater war ich nie. Umso dankbarer bin ich meiner Familie, dass sie mich meine Schwächen nicht allzu sehr merken ließen. (11)

Autor: 1971 erlitt er nach einer Theatertournee einen Schlaganfall. Sieben Jahre hat er noch gelebt, hat auch das Laufen wieder gelernt. Aber die besondere Tragik blieb, dass er nie wieder sprechen konnte. Heinz Erhardt, der große Wortakrobat, konnte sich seines ureigenen Handwerkzeugs nicht mehr bedienen. Das war bitter. Und es bewahrheitete sich, was er schon früh wusste: Komisch zu sein hat seinen Preis, denn es ist Schwerstarbeit:

Sprecher:

Du irrst, wenn du sagst, es sei leicht,

was leichtes hinzuschreiben,

was lustig, aber nicht zu seicht,

die Sorgen hilft vertreiben.

Leicht ist, ich bitte dich zu verzeihn,

das sogenannte Ernste.

Das braucht nicht angeborn zu sein,

das kannste bald, das lernste. (12)

Autor: Das ist die große Kunst von Heinz Erhardt: das Schwere leicht zu machen und so über das Leben, das oft genug kompliziert und drückend sein kann, lachen zu können. Er kommt ganz ohne moralischen Zeigfinger aus. Deswegen haben ihm so viele gerne zugehört. – Und sein Abschied? Der kommt dann ganz unspektakulär daher, nahezu lapidar – aber voller Humor.

O-Ton Heinz Erhardt:

Ein Gedichtchen, ein ganz kleins

sag ich noch bevor ich geh’:

alles Liebe wünscht euch Heinz

E-r-h-a-r-d-t. (13)

Autor: Ich schließe mich hier den Worten meines Vorredners an– allerdings ganz ohne Reim; Ihr Eberhard Helling, von der evangelischen Kirche aus Lübbecke.

Musik 3: Noch´n Abschiedslied, Track 15 von CD: Ein Portrait, Text, Interpret (Gesang) und Komponist: Heinz Erhardt, Label: Polydor, Copyright: (C) 1998 Universal Music Domestic Division, a division of Universal Music GmbH, Artikel-Nummer 958813, EAN 731455906424, LC 00309.

Verwendete Literatur und Medien:

Der große Heinz Erhardt, Seine Gedichte, Geschichten und vieles mehr, Weltbild-Verlag , Augsburg, 2011.

Grit Berthold, Verena Haacker, Marita Malicke, Isabelle Yeginer, Heinz Erhardt privat, Oldenburg, 2000.

Rainer Berg, Norbert Klugmann, Heinz Erhardt – Die Biographie, Oldenburg, 2. Auflage 2009.

CDs: 100 Jahre Heinz Erhardt, Die kompletten Telefunken Aufnahmen, Warner Music Group, 2009 (LC 14666).

(1)100 Jahre Heinz Erhardt, CD 2, Track 12 (2:18 – 2:30).

(2)= I, CD 1, Track 8 (8:30-9:35).

(3)Der große Heinz Erhardt, S. 185.

(4)Ebd., S.184.

(5)Heinz Erhardt - Die Biographie, S. 114.

(6)Ebd., S. 82.

(7)Der große Heinz Erhardt, S. 310.

(8)Ebd., S. 354.

(9)Ebd., S. 332.

(10)Heinz Erhardt - Die Biographie, S. 281f.

(11)Ebd., S. 293.

(12)Ebd., S. 321.

(13)= I, CD 1, Track 2 (3:13-3:30).

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