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Kirche in WDR 5 | 11.02.2015 | 06:55 Uhr

Angeschaut werden

Vor fünf Jahren haben Menschen Stunden in Schlangen gewartet und sogar vor dem Museum übernachtet, nur um Folgendes zu machen: Sie wollten einer Frau gegenüber sitzen, die kein Wort zu ihnen gesprochen hat. Diese Frau war Marina Abramovi? und sie ist Aktionskünstlerin. Sie hat die Leute, die ihr gegenüber an einem Tisch saßen, nur eine Weile angesehen. Sonst nichts. In einem wallenden roten Kleid saß Marina Abramovi? von März bis Mai 2010 jeden Tag acht Stunden ohne Pause im New Yorker Museum of Modern Art auf einem Stuhl. Und sie hat alle, die sich zu ihr gesetzt haben, angeblickt. Diese Aktion war ein riesiger Erfolg, wenn man die große Zahl von Menschen betrachtet, die an ihr teilnehmen wollten. Und die Reaktionen derer, die Marina Abramovi? gegenüber saßen, sprechen ebenfalls für sich. Für sehr viele war das ein Erlebnis, das sie innerlich stark angerührt hat. Einige brauchten eine Weile, bis sie ruhig wurden und den Blick zulassen konnten. Einige brachen in Tränen aus. Manche berichteten nachher, dass ihnen unter diesem Blick plötzlich Dinge klar wurden. Jeder, der Marina Abramovi? gegenübersaß, war irgendwie berührt.

Ist das nicht eigentlich total banal – und alltäglich, angesehen zu werden? Der Zuspruch und die Erfahrungen der Performance von Marina Abramovi? sprechen eine andere Sprache. Und wenn ich es recht überlege, fallen mir in erster Linie Verliebte und Kinder ein, die einander schon mal länger anschauen. Sonst geht das doch oft unter. Wann sehe ich im Alltag schon mal jemandem länger direkt in die Augen? Wann halte ich diesen Blick aus und wann erfahre ich, dass ich im Blick bin? Dabei ist dieses „ich seh dich“ – unheimlich wichtig.

Unter dem Blick von jemandem aufblühen. Sich geliebt, bejaht, ermutigt wissen.

Mir ist ein Blick sehr wichtig, der groß als gerahmtes Plakat in meinem Büro hängt. Darauf lächelt mich eine schöne alte weißhaarige Frau an: Die Dichterin Hilde Domin. Und was dieser Blick für mich bedeutet, das sagen Verse aus einem ihrer Gedichte. „Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen. / Wo sich die Augen treffen / entstehst du. // Es gibt dich / weil Augen dich wollen, / dich ansehen und sagen / dass es dich gibt.“

Was für ein spannender Gedanke. Und ganz anders als es zum Beispiel der Philosoph René Descartes ausgedrückt hat. Sein Satz „Ich denke, also bin ich“ – ist eine Antwort auf die elementare Frage „gibt es mich überhaupt?“. Aber während Descartes diese Selbstvergewisserung zu einem reinen Gedankenvorgang macht, findet Hilde Domin eine Vergewisserung im Gegenüber. Als ein Mensch, der glaubt, beziehe ich das aber nicht nur auf meine Mitmenschen. Diese Vergewisserung geschieht auch durch den Gedanken, dass es da jemanden gibt, der mich sieht. „Es gibt mich, weil Seine Augen mich wollen, ansehen und mir damit sagen, dass es mich gibt“.

Doch genug betrachtet: Ich wünsche Ihnen einen Tag mit freundlichen ermutigenden Blicken, die Ihnen begegnen – und freundlichen Blicken, die Sie anderen schenken.

Ihre Susanne Moll aus Aachen.

- Martina Abramovi?, The Artist is Present, MoMa NewYork, 2010

- Hilde Domin, Es gibt dich. In: Hilde Domin, Gesammelte Gedichte, Frankfurt am Main, 2. Auflage 1987, 208

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