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Das Geistliche Wort | 10.05.2015 | 08:40 Uhr

Die Kunst des Bleibens

Guten Morgen!

Menschliche Beziehungen über Jahre oder Jahrzehnte frisch und lebendig zu halten kann ganz schön herausfordernd sein. Vor kurzem bin ich im Roman „Die Erfindung des Lebens“ von Hanns-Josef Ortheil auf das Stichwort „Übermüdungserscheinungen“ gestoßen, das genau diese Schwierigkeit beschreibt. Es ging da in etwa um folgende Szene:

Ein Mietshaus in Rom, in der Nähe des Tiber. Seit einiger Zeit hat sich Antonia mit ihrem neuen deutschen Nachbarn Johannes angefreundet. Wie schon öfter sitzen die beiden zum Gespräch zusammen. Johannes ist ein guter Zuhörer, er schafft durch sein Einfühlungsvermögen eine Atmosphäre, in der Antonia sich öffnen und anvertrauen kann. Immer wieder kommt sie auf die Trennung von ihrem Mann zurück. Von einem Tag auf den anderen hatte der sich aus der gemeinsamen Wohnung abgesetzt, so leicht wie ein Vogel. Ohne sie und die Tochter hat er auf der anderen Seite des Tiber in einer Zwei-Zimmer-Wohnung einfach ein neues Leben begonnen. Das Eheleben habe ihn abgrundtief gelangweilt, er habe es deshalb nicht länger ertragen können.

Antonia will das nicht glauben, sie vermutet andere Gründe. Johannes dagegen meint: Kann es nicht wirklich sein, dass die Ehe Anzeichen einer Übermüdung gezeigt hat? Antonia erwidert ihm, dass es solche Übermüdungserscheinungen in den Ehen all ihrer Freundinnen gebe, aber die gingen deswegen nicht immer auseinander; man versuche, sich irgendwie zu arrangieren.

Musik I

Eine kleine Episode aus Ortheils wunderbarem Roman „Die Erfindung des Lebens“, in der es um Übermüdungserscheinungen in der Ehe geht. Viele Eheberater und sicherlich noch viel mehr Menschen können dieses Wort mit konkreten Lebensgeschichten füllen. Sie wissen darum, wie das ist, wenn Paare sich nach Jahren kaum mehr etwas zu sagen haben, wenn Monotonie eingekehrt ist, man sich auseinandergelebt hat. Gründe mag es da viele geben: vielleicht wurden Erwartungen und Konflikte nicht rechtzeitig angesprochen oder man hat aufgehört, miteinander und aneinander zu wachsen.

Beim Nachsinnen über diese Stelle des Romans kam mir blitzartig der Gedanke: Gibt es ähnliche Übermüdungserscheinungen auch im Glauben? Sich nichts mehr zu sagen haben, sich auseinander leben – kann das auch in der Beziehung zu Jesus Christus vorkommen? Und könnte es sein, dass Menschen auch deswegen irgendwann aus Glaube und Kirche „ausziehen“? Verlieren Menschen womöglich deshalb ihren Glauben, weil sie es aufgegeben haben, an Jesus zu wachsen? Mir sind diese Fragen nachgegangen, weil ich in meiner Aufgabe als Spiritual Menschen auf ihren Wegen des Christseins begleite – in all den Gezeiten, die diese Wege mit sich bringen.

Vor über 70 Jahren hat der irische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler C.S. Lewis bereits diese These provokant vertreten. In seinem Büchlein „Pardon, ich bin Christ“ mutmaßt er: „Wenn wir hundert Menschen fragten, weshalb sie ihren Glauben an das Christentum verloren haben, so würden wir sicher feststellen: … Die meisten Menschen lassen sich einfach treiben.“ Mancher wird sich an dieser These erst einmal reiben und sich fragen: Trifft das zu? C.S. Lewis ist leidenschaftlich davon überzeugt, dass der Glaube nicht automatisch lebendig bleibt; er verlangt danach, beständig ernährt zu werden. Es gilt also nicht: Einmal Christ, immer Christ. Gerade heute hat niemand den Glauben wie einen unverlierbaren Besitz fest in der Tasche. Der Glaube bleibt ein Wagnis, angefragt und gefährdet. Ohne gehegt und gepflegt zu werden, kann er kaum lebendig bleiben in einer säkularen Umgebung. Etwas später als C.S. Lewis hat der Theologe Karl Rahner gemeint, Glauben heute sei nur möglich, wenn wir uns dieses Gefährdetsein des Glaubens unbefangen eingestehen.

Musik II

Nicht erst das letzte Jahrhundert sah den Glauben gefährdet. Ich finde es ausgesprochen faszinierend, dass sehr ähnliche Erfahrungen auch diejenigen bewegt haben, für die der Evangelist Johannes sein Evangelium geschrieben hat. Seine Adressaten sind Christen, die an der Schwelle zum 2. Jahrhundert leben. Viele von ihnen hatten sich einmal entschieden, als Christen zu leben. Aber sie müssen miterleben, dass eine ganze Reihe von ihnen dem Glauben wieder den Rücken kehrt. Modern gesprochen: Für viele war das mit Jesus eine Art Lebensabschnittspartnerschaft. Das lässt natürlich nicht kalt. Auch diejenigen, die sich immer noch als gläubige Christen verstehen, fangen jetzt an, mit sich zu ringen: Sollen auch sie weggehen oder den Weg mit Jesus weitergehen? Genau in diesen Zwiespalt hinein spricht Johannes in seinem Evangelium das zentrale Wort: „bleiben“ Auf den ersten Blick wirkt dieses Wort fast unscheinbar. Allerdings zählt es für das Johannesevangelium zu den Schlüsselworten. So ermuntert Jesus z.B. leidenschaftlich dazu: „Bleibt in meiner Liebe“ (Joh 15,9). Ich verstehe das so: Der Evangelist Johannes möchte seinen Lesern diese Kunst des Bleibens nahebringen. Und in dieser Perspektive erzählt er sogar die ganze Geschichte Jesu neu.

In den Abschiedsreden ermutigt Jesus immer wieder: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch“ (Joh 15,4).

Er würde kaum so sprechen, wäre nicht genau dieses Bleiben ein Problem. Das Johannesevangelium richtet sich hier an Menschen, für die der Glaube nicht einfach selbstverständlich ist, die nicht beim Wort Gottes und nicht beim Glauben an Jesus Christus bleiben wollen. Aber dieses Problem, auf das Johannes hier reagiert, betrifft nicht nur die Menschen seiner Zeit, sondern viele Christen – gerade auch heute. Eben deswegen berührt mich dieses Evangelium besonders. Zur Zeit des Johannes konnten viele die Lebensgemeinschaft mit Jesus nur noch schwer ertragen. Sein Anspruch und manche seiner Worte kamen ihnen wenig plausibel vor, einigen sogar ungeheuerlich; sie hatten sich den Weg mit ihm wohl einfacher, glatter, unkomplizierter vorgestellt. Jesus ist für sie zu einer echten Reibungsfläche geworden, zu einem Stolperstein: Kann das denn wirklich sein, dass in diesem Menschen Gottes Herrlichkeit erschienen ist? Nimmt Jesus mit seinen großen Versprechen von Licht, Liebe und Leben den Mund nicht entschieden zu voll? Auch da scheinen doch Übermüdungserscheinungen im Spiel gewesen zu sein. Manche waren müde geworden, sich der Herausforderung dieses Jesus von Nazareth immer und immer wieder zu stellen. Und damit noch nicht genug. Die Christengemeinde bekam unangenehm zu spüren, eine Minderheit zu sein. Dreimal erzählt Johannes davon, dass Menschen, die zum Glauben gekommen waren, aus der Synagoge ausgeschlossen wurden – das bedeutete für die Christen damals eine einschneidende Sanktion mit harten sozialen und wirtschaftlichen Folgen. In der Beziehung mit Jesus zu bleiben kostete etwas. Und da zogen viele kritisch Bilanz. Offensichtlich fragten sich viele Christen, ob es sich wirklich lohnt, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen.

Musik III

Die Christen, denen Johannes sein Evangelium widmet, sind in einer Situation, kritisch Bilanz zu ziehen: Lohnt es sich, den eingeschlagenen Weg mit Jesus weiterzugehen? Was habe ich davon, zu bleiben? Sich von Jesus zu trennen, scheint eine echte Alternative gewesen zu sein. Wäre das nicht einfacher? Nicht wenige Menschen stellen sich heute ähnliche Fragen.

Wenn Jesus in diese dramatische Lage hinein sagt: „Bleibt in meiner Liebe“, kann das beim ersten Hören klingen wie eine Durchhalteparole oder ein Appell, bei der Stange zu bleiben. Genau das aber ist es nicht, und darin zeigt sich für mich die Größe des Johannesevangeliums. Johannes will kein „billiges“ Bleiben. Bleiben ist für ihn eine Kunst, die Kunst, immer wieder die Auseinandersetzung mit Jesus zu wagen und dadurch seine Entscheidung für den Glauben zu vertiefen. Es ist kein Zufall, dass etwa 60% seines Evangeliums aus Dialogen besteht. In diesen Dialogen, die Jesus mit Freunden und Gegnern führt, kommen die verschiedenen Argumente zum Vorschein, die für und wider Jesus sprechen. Alles, was an ihm fasziniert und irritiert, wird angesprochen. Und damit stehen die Leser seiner Zeit mittendrin: Es sind genau diese Gedanken, die auch ihnen durch Kopf und Herz gehen und die in ihnen arbeiten, wenn sie an Jesus denken. In den mitunter langen Antworten Jesu auf Fragen oder Vorwürfe sollen die Adressarten neu für Jesus gewonnen werden. Glauben ist für das Johannesevangelium ein andauernder Lernprozess, mit dem man nie fertig wird. Und dabei ist es nicht verboten, mit Jesus zu ringen, es gehört zum Lernweg dazu. Anders kann man den angefochtenen Glauben nicht lebendig halten – vor allem in einer Umgebung, die weitgehend säkularisiert ist.

Musik IV

Übermüdungserscheinungen im Glauben und in Beziehungen. In einem

Artikel eines kirchlichen Eheberaters habe ich gelesen: „Dass man sich nur zu lieben brauche und alles andere sich von selbst entwickle, gehört in den Bereich der Illusion.“ Mit anderen Worten: Das Gelingen einer Partnerschaft fällt nicht in den Schoß. Es braucht im Tageslauf die Sorge um Räume, in denen man sich austauschen kann, genauso wie eine gewisse Konfliktbereitschaft und die Offenheit, an sich selbst zu arbeiten. Sonst lebt man sich leicht auseinander.

Ob das auch auf den Glauben zu übertragen ist? Ich bin davon überzeugt: Es braucht diese Entdeckung, dass sich auch in der Beziehung zu Jesus Christus nicht einfach alles von selbst entwickelt und Bleiben eine Kunst ist! Jesu Wort „Bleibt in meiner Liebe“ darf als Werbung verstanden werden, für Jesus Zeit frei zu halten, sich ihm auszusetzen, bereit, sich zu reiben und so an ihm zu wachsen! Das verlangt Mut und die Bereitschaft, etwas zu investieren – im Vertrauen, dass es sich lohnen wird.

In den Quellentexten von Taizé habe ich eine sehr schöne Frage gefunden, die Frère Roger stellt: „Lässt du es zu, dass er tief in dich hinein die Frische einer Quelle legt?“ . Ich verstehe die Frage so: Wer die Kunst des Bleibens lernt, der kann erleben, dass die Beziehung zu Christus kein stehendes Gewässer wird, sondern dass er tief in mich hinein immer wieder die Frische einer Quelle legt.

Musik V

Einen belebenden Sonntag wünscht Ihnen Michael Höffner.

* Hanns-Josef Ortheil, Die Erfindung des Lebens, München 17. Aufl. 2011, S. 306f.

** Clive Staples Lewis, Pardon, ich bin Christ, 10. Taschenbuchaufl. Basel 1992, S. 130.

Karl Rahner, Im Heute glauben, Einsiedeln 2. Aufl. 1966, S. 24ff.

*** Norbert Wilbertz, Traumpaar, Märchenhochzeit und was dann? Bedingungen gelingender Paarbeziehung aus Sicht eines Eheberaters, in: Lebendige Seelsorge 65 (2/2014), S. 97.

Frère Roger. Die Quellen von Taizé, Neuausgabe Freiburg 2000, S. 13.

Copyright Vorschaubild: Public Domain Pixabay

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