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Das Geistliche Wort | 16.08.2015 | 08:40 Uhr

Gott – der großherzige Arbeitgeber

Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer.

Wenn man dem, was Menschen sagen und denken auf den Grund geht, dann gibt es kein größeres Glück, als geliebt zu werden, und dann gibt es kein größeres Verlangen, als lieben zu können. Es gibt aber auch nichts, das so sehr Quelle der Enttäuschung, der Tränen, der Einsamkeit ist, wie das Lieben, wenn es misslingt.

Die schlimmste Angst, die einen Menschen befallen kann, ist die Angst, nicht geliebt zu werden. Vielleicht versucht deshalb so mancher, sich die Sympathien anderer zu erkaufen, indem man sich ihren Erwartungen fügt.

Sie kennen sicher auch Menschen, die auf der Stufenleiter der Leistung, des Erfolgs und des Ansehens ganz unten stehen. Und andere, die mit ihren beruflichen und menschlichen Leistungen Glück hatten, sie erleben Erfolg und Ansehen. Sie stehen ganz oben. Hinter diesen äußeren Positionen gesellschaftlicher Anerkennung und Missachtung verbergen sich tief eingeprägte Lebensgefühle und Lebenshaltungen. Die Erfolgreichen werden sich sagen: Mein Ansehen, was ich bin und habe, das ist durch Leistung entstanden. Bei denen, die keinen Erfolg und kein Ansehen haben, setzt sich häufig die Überzeugung fest: Ich werde immer der Letzte sein.

Musik I

Wenn man die Beziehungsmechanismen von der zwischenmenschlichen auf die religiöse Ebene überträgt, entsteht der Eindruck, man müsse auch vor Gott zuerst einmal etwas vorweisen, damit er uns überhaupt wahrnimmt. Jesus lehnt diese Auffassung entschieden ab und betont immer wieder, Gott mache seine Zuwendung zum Menschen nicht von religiösen Vorleistungen abhängig. Gott nimmt den Menschen an, so wie er ist. Auf beinahe provozierende Weise bringt Jesus das im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg zum Ausdruck.

Im Matthäus Evangelium heißt es:

Sprecher:

„Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder auf den Markt und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging, traf er wieder einige, die dort herumstanden. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag untätig herum? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg!

Als es Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den letzten, bis hin zu den ersten.

Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar. Da begannen sie über den Gutsherrn zu murren, und sagten: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Gelt und geh! Ich will dem letzten ebensoviel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich gütig bin? So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.“ (Mt 20,1-16)

Musik II

Die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg erzählt von einem Gutsbesitzer, der Arbeiter für seinen Weinberg sucht.

Er findet sie und stellt sie ein. Das Ganze passiert noch dreimal am Tag, selbst am späten Nachmittag schickt er noch einige in seinen Weinberg zur Arbeit. Abends bekommen sie dann den Lohn. Mit einer faustdicken Überraschung. Denn ganz gleich wie viel Stunden sie gearbeitet haben: Alle bekommen genau den gleichen Lohn. Mit den Regeln von Leistung und Lohn ist das nicht zu erklären.

Aber genau darauf kommt es Jesus an. Diese kühle Gesetzmäßigkeit will er durchbrechen. Er hat die Not und die Würde aller Beteiligten im Blick. Wer einmal im Nahen Osten beobachtet hat, wie die Tagelöhner angeworben werden, wird Jesus vielleicht besser verstehen. Schon am frühen Morgen stehen sie an der Straße – etwa in der Nähe des Damaskustores in Ostjerusalem – und warten. Die Besten und Kräftigsten werden als Erste genommen. Übrig bleiben die Älteren und Schwächeren, die genauso auf den Job angewiesen sind, um ihre Familie zu ernähren. Oft genug bleibt für sie nichts zu tun, sie müssen mit knurrendem Magen nach Hause gehen.

Ein Gutsherr, der allen Arbeitern den gleichen Lohn auszahlt, obwohl einige von ihnen sich gerade mal eine Stunde abgemüht haben. Das dürfte schon zurzeit Jesu eine seltsame Erscheinung gewesen sein.

Jesu Gleichnisreden gehören zum Urgestein seiner Verkündigung. Sie helfen, die Beziehung zu Gott zu überprüfen und zu vertiefen. Immer wieder begegnen uns in der Bibel Menschen, die ihre ganze Existenz auf Gott abstellen, aber ebenso sind da Menschen, die freimütig bekennen, dass sie trotz ihres Glaubens oft ratlos bleiben – und dass sie sich Gott dennoch anvertrauen, weil sie sich bewusst werden, dass seine Größe ihr Fassungsvermögen unendlich übersteigt.

Musik III

Wenn Jesus allen den gleichen Lohn zubilligt, dann schwächt er nicht die Starken, sondern stützt die Schwachen. Das ist ein Hinweis auf Solidarität und gegenseitige Verpflichtung. Wer da an die rund 2,8 Millionen Arbeitslosen in Deutschland denkt, der mag vielleicht müde lächeln. Natürlich ist das Evangelium keine konkrete Handlungsanweisung, kein Rezept für Arbeitgeber. Aber es ist ein deutlicher Appell an ihre soziale Verantwortung. Immer höhere Kapitalrenditen, immer höhere Gewinne, das kann und darf nicht erstes Ziel verantwortungsbewusster Unternehmer sein. Für soziale Gerechtigkeit brauchen wir den Rechtsstaat – und wir brauchen Tarife. Wer einen Betrieb leitet, wer in einer Gewerkschaft Verantwortung trägt, der wird zustimmen: Lohn muss ein Äquivalent von Leistung bleiben – sonst entsteht in der Wirtschaft ein Chaos. Und doch gibt es die Sehnsucht, die vermessene Hoffnung, nicht nur nach Leistung bemessen und abgefunden zu werden. Gerechtigkeit ja. Wer mehr bekommt als ihm zusteht, über den regen wir uns auf. Auch, wenn es um uns persönlich geht?

Jesus war ein mitreißender Gleichnis-Erzähler, der seinen Landsleuten Gottes Vergebung und sein Reich verkünden wollte. Der Gutsbesitzer im Gleichnis Jesu handelt anders, als die Zuhörer es aus ihrem Alltag wissen. So handelt Gott, will Jesus sagen. Gott ist gerecht, aber er ist noch mehr als gerecht. Er hält nach uns Ausschau, wo wir abbleiben. Er schaut, was aus den Zurückgelassenen wird. Gott ist ein großherziger Arbeitgeber.

Unmittelbar vor dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg stellt Petrus die bedrängende Frage an Jesus, was denn diejenigen erwarten dürfen, die ihm nachfolgen, Jesus antwortet: „Das Hundertfache und das ewige Leben“ (Mt 19,29) – also etwas so Großes, das sich kein Mensch verdienen kann. Mit anderen Worten: Der ‚Lohn’ ist ein reines Gnadengeschenk Gottes. Gott wendet sich uns voraussetzungslos zu.

Das Gleichnis ist keine Handlungsanweisung für Wirtschaftsminister. Es heißt nicht: Mit der Marktwirtschaft ist es wie mit einem Gutsbesitzer. Jesus sagt: Mit dem Reich Gottes verhält es sich so. Da geht es nicht nur gerecht zu, sondern: mehr als gerecht.

Die erste Botschaft des Gleichnisses lautet: So ist Gott. Er schaut nicht weg, sondern er schaut nach uns. Nach jedem. Auch nach dem, der zu der schmerzlichen Erkenntnis kommt: Ich bin abgeschrieben, von wem auch immer.

Und die zweite Botschaft ist ebenso wichtig: Wer sich so angeschaut weiß, der fängt an, anders zu leben. Wer gerecht behandelt wird, sagt vielleicht: Ich bekomme nur mein Recht, darauf habe ich Anspruch. Wer aber Erbarmen erfährt, der fängt an, selbst Erbarmen zu üben.

Vielen wird beim Hören des Gleichnisses vielleicht bewusst werden, dass auch sie wie diese Tagelöhner Schwache und Letzte sind. Vielleicht üben sie einen Beruf aus, der nicht gerade zu den geachteten gehört. Sie müssen sich die Hände schmutzig machen oder gar die Arbeitsweste und stehen darum im öffentlichen Ansehen eher hinten. Was aber – so frage ich mich – haben solche Menschen von Gott zu erwarten? Ausgerechnet denen sagt Gott, dass sie ungeachtet ihrer geringen Leistungen und Werke jemand sind.

An den beiden Polen des Gleichnisses sind vielfältige Entdeckungen für das heutige Leben möglich.

Auf der einen Seite die Frage: Wo finde ich mich heute vor allem von dieser unverdienten Güte Gottes angesprochen? Gibt es Formen von Schwäche, Hilflosigkeit und Leere, die jeden Menschen irgendwo zu einem Letzten machen? Gibt es Gruppen, die in besonderer Weise als Letzte dastehen?

Auf der anderen Seite: Wo sind heute die Starken, die Tüchtigen, die Leistungsfähigen, die Rechtschaffenen und Moralischen, die es schwer haben, aus der unverdienten Güte Gottes zu leben und sie gegenüber anderen gelten zu lassen?

Musik IV

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Bert Gruber aus Aachen.

Copyright Vorschaubild: markus spiske CCBY 2.0 flickr

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